Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426435
Kunst der Mimik. 
der 
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Kennzeichnung der Handlung oder Stimmung des einen dargestellten 
Momentes selbst nur ganz einzelne Theile des Körpers mit einer be-. 
stimmten Action angewendet, wie bei der Aurora, die mit der Hand 
über die Schulter nach dem Schleier greift. Alle anderen Glieder 
nehmen an dieser augenblicklichen Bewegung keinen Theil, ihre Lage 
ist Product früherer oder Vorbereitung künftiger Bewegungen, die 
man sich ebenso einzeln nach einander erfolgend denken kann, als 
wenn sie uns ein Dichter, eine nach der andern erzählte. Wie 
(lramatisch, um nun diesen Ausdruck gleich einmal zu brauchen, ein 
Bild uns auf diese Weise eine Geschichte erzählen kann, sieht man 
an dem Abschied Siegfried's von Kriemhilden auf dem Titelblatte von 
Cornelius' Bildern zu den Nibelungen Er ist im Gehen, der Hund 
zerrt an ihm fort. Sie sitzt fest auf dem Stuhle. Er reicht ihr die 
Rechte zum Händedruck des Abschieds. Sie aber schlägt nicht ein, 
sondern fasst nur mit ihrer Linken seine gebotene Rechte über dem 
Gelenk am Arm, um ihn zu halten und Zeit zu gewinnen. Dann 
streckt sie sich vom Sitze aus zu ihm empor und fasst ihn mit ihrer 
Rechten am Kinn. Sie kann ihn noch nicht lassen. Das ganze Auf 
und Ab vom Scheiden und Meiden spielt sich vor uns ab. Aber mit 
solchen Leistungen kommt auch die Malerei hart an der Grenze an, 
die sie nicht überschreiten kann, ohne den Rahmen des Stils zu 
sprengen, auf den sie angewiesen ist. 
Kommen wir nun zu den Bildern, welche uns auf dem Theater 
von lebendigen Menschen mit ihrer eigenen Person vorgeführt werden; 
denn so können wir das, was da geleistet wird, nennen, wenn wir uns 
nur an den sichtbaren Theil der ganzen mimischen Vorstellung halten. 
Und wenn ich nun versuchen will, von einer Reihe derartiger Ein- 
(lrücke zu berichten, in denen ich glaube zwei Arten des Stils, welche 
in dieser Kunstübung herrschen, unterscheiden zu können, so brauche 
ich, um sie im voraus unterscheidend zu bezeichnen, ohne doch durch 
ein präjudicirendes Wort auch schon über sie abzuurtheilen, vorerst 
nur so viel zu sagen, dass die Bilder, die wir da sehen, oder die Be- 
wegungen, durch welche sie herbeigeführt werden, entweder der Art 
 Nicht zu verwechseln mit dem grossen Blatte dieser Bilder, das denselben 
Gegenstand einzeln darstellt. Dies ist viel weniger gelungen, wie überhaupt in 
diesem Jugendwerke das Genie und die Unbeholfenheit des Autodidakten noch 
sehr unvermittelt neben einander stehen.
        

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