Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426420
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Zwei 
Stil 
Arten von 
ziemlich 
künstlich. 
Man 
soll 
ihn 
sich 
VOI" 
und 
nachher 
anderen 
Stadien seines Leidens denken, in geringerer Bedrängniss vorher, im 
Zusammenbrechen hinterher. Dazu wird man auch um so mehr hin- 
geleitet und angeregt dadurch, dass in den beiden Nebeniiguren, den 
Söhnen des Laokoon, solch ein früheres und späteres Stadium des 
Leidens zur Darstellung gebracht ist. Aber der Haupteindruck des 
Werkes soll und muss doch ohne Zweifel die Trost- und Hilflosigkeit 
des angehaltenen Seufzers sein und bleiben, welcher in der Hauptfigur 
als augenblicklich gegenwärtig und unbeweglich packend verkörpert 
isti). „In the Laocoon," sagt Hawthorne, „the horror of a moment 
grew to be the Fate of interminable ages." Alles, was der Beschauer 
in Gedanken noch hinzuthut, ist doch mehr oder weniger willkürlich 
hineingetragen und nebensächlich. 
Dagegen scheint Lessing mit einer ähnlichen Divinationsgabe, wie 
man sie an seinem grossen Vorgänger Winckelmann rühmt, der die 
Eigenthümlichkeit der griechischen Plastik so treffend charakterisirt 
haben soll, obgleich man jetzt weiss, dass er fast gar keine Original- 
werke derselben gekannt hat, so er mit seinem "fruchtbaren Moment" 
die Theorie zur Würdigung moderner Werke der Malerei ausgerüstet 
zu haben, die er selbst wenig gekannt hat, oder hat kennen wollen. 
Bei Michelangelo kann man sich, ja muss man sich oft die Stellung 
seiner Menschen in dem eben dargestellten Momente aus früheren her- 
leiten und ihre Fortsetzung in Gedanken ergänzen, wenn nicht Vieles 
an ihnen unverständlich bleiben soll. Seine Aurora ist aus dem Schlaf 
erwacht, seine Nacht durch den überwältigenden Schlaf in ihre ver- 
tracte Lage zusammengesunken, sein Adam fängt an, sich als be- 
seeltes Wesen auf sich zu besinnen. Indem aber so die Grenze der 
Einheit des Moments, an welche die Malerei in ihren Darstellungen 
gebunden ist, im Erfolg des Eindruekes überschritten, ein V0r- und 
Nachher hinzugewonnen wird, was sonst nur der Poesie zukommt, 
verengt sich andererseits das Gebiet des Raumes, dessen volle Be- 
herrsehung sonst der Malerei freisteht, in ähnlicher Weise wie in der 
Poesie, die etwas Sichtbares nur durch den "einfachen Zug", wie 
Lessing es nennt, markiren kann. Denn es werden nun auch zur 
 Vgl. meine Schrift „die Gruppe des Laokoon oder über den 
Stillstand tragischer Erschütterung". Leipzig, C. F. Winter 1862. 
kritischen
        

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