Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426403
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Zwei 
Stil 
Arten von 
geleistet werden kann, hat Paul Veronese, was mit Kraft- und Bravour- 
stücken, Rubens gezeigt. Wird dann aber mit dieser Art von Glieder- 
bewegung und Linienführung weitergearbeitet da, wo man modernere, 
geistig-verwickeltere Handlungen und Stimmungen darzustellen ge- 
denkt, so bleibt die leere Form übrig, die Grazie, wo sie nicht hin 
gehört, wo vielmehr die angestrengteste Unterjochung der leiblichen 
Organe durch die inneren Erregungen am Platze wäre, mit Einem 
Worte: die abgegriffene, gedankenlose Manier, wie sie uns in den 
Bildern von Kaulbach und Genossen entgegentritt, wenn sie Schiller 
und Goethe, oder gar Shakespeare illustriren. 
Dafür nun hat denn doch die moderne bildende Kunst andere 
Formen gefunden, die freilich weder dem klassischen Ideal, noch dem 
correcten Stil der rein malerischen Wirkung nach Lessing gemäss sind. 
Allen voran Michelangelo (s. die beiden vorigen Vorträge). Seine 
Menschengestalten zeigen nicht den gefalligen Umriss, nicht die Har- 
monie der Haltung aller Glieder nach einem einheitlichen Motiv der Be- 
wegung wie die antiken. Sie brauchen ihre Gelenke im Einzelnen stärker, 
mit eckigeren Biegungen und isolirteren Impulsen. Die ganze Figur hat 
dabei meist weniger Haltung. Die Glieder, die nicht eben besonders 
aufgefordert sind, sich anzustrengen, thun es auch gar nicht, und nur ein 
einzelner Griff der Hand, eine Wendung des Kopfes tritt momentan 
energisch auf, oder erhebt sich wie selbstbewusst aus dem Schlaf, in dem 
der übrige Körper zu ruhen scheint.  So dehnen und wenden sich seine 
nackten allegorischen Figuren, sogenannte Tageszeiten an den Gräbern 
der Mediceer zu Florenz; so sitzen seine Sibyllen und Propheten an 
der Decke der sixtinischen Kapelle in Rom in nachlässig einknicken- 
der Haltung ihrer schweren Gliedinassen, und nur in vereinzelten 
Impulsen macht sich der Geist bemerklich, wie in dem Einkrallen 
der Finger jenes gewaltigen Moses. 
Aber die Meister des Ausdruckes der Bewegung unter den 
Deutschen, Hans Holbein, der Zeitgenosse der Renaissance, und Cor- 
nelius, der grösste und doch bisher noch so wenig bekannte Künstler 
unserer Tage, gehen hierin noch weiter. Ihre Figuren sind nicht nur 
wie die des Michelangelo mannigfaltig in eckig geknickten Biegungen 
ihrer Glieder zusainmengekauert, sondern ebenso oft und ebenso ein- 
seitig ausgestreckt und ausgereekt. Und ihre Glieder sind nicht nur 
wie bei jenem haltungslos wie altes Eisen auf und über einander ge-
        

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