Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426376
der Kunst 
Mimik. 
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sie mit allen ihren Theilen ausgebreitet im Raume nebeneinander in 
einem gewissen Momente sind, waren oder gewesen sein könnten, mit 
der Bestimmung, dass wir sie so in dieser Lage, in diesem Zustande 
dauernd anschauen können. Dagegen kann sie keine Veränderung 
derselben, nichts, was nacheinander in der Zeit geschieht oder erfolgt, 
zur anschaulichen Darstellung bringen und auch keinen momentanen 
Zustand, der seiner Natur unmöglich anders als ganz vorübergehend 
sein kann. Jeder Versuch, uns durch ein Bild die Illusion einer vor 
dem Auge erfolgenden Bewegung zu geben, muss durch den Afactischen 
Stillstand des Bildes Lügen gestraft werden. Die einzige Möglichkeit 
eines gewissen Hinausgreifens über den einen ruhigen Moment der 
Darstellung wird indirect dadurch gegeben, dass dieser Moment nach 
Lessings Ausdruck möglichst „fruchtbar" gewählt ist, d. h. so, dass 
der Zustand, in dem wir die Dinge erblicken, die Phantasie anregt, 
sich einen andern als vorhergegangen oder nachfolgend auszumalen. 
Die Poesie dagegen bringt durch die beständig fortschreitende 
Darstellung in Worten für das Ohr gerade die Vorstellung des 
Wechsels der Dinge, der Folge der Ereignisse leicht hervor. Sie 
kann aber in jedem Momente nicht mehrere Eindrücke nebeneinander 
stellen, also nichts zur lebendigen Vergegenwärtigung bringen, was 
sich aus vielen Theilen, die im Raum nebeneinander existiren, auf- 
baut, keine Bilder sichtbarer Dinge geben. Der Versuch, dies da- 
durch zu erreichen, dass man Stück für Stück die Theile nennt, die, 
wenn wir sie sähen, ein Ganzes ausmachen würden, muss misliilgen, 
weil wir sie in Gedanken nicht z'u einem Ganzen zusammensetzen 
können. Die einzige Möglichkeit, wie der Dichter uns dennoch die 
Dinge, von denen er berichtet, augenblicklich wie anschaulich in die 
Phantasie rufen kann, ist ihre Bezeichnung durch irgend einen einzigen 
Zug derErscheinung, ausgedrückt durch ein einfaches Beiwort, wie 
wenn Homer, den Lessing hier als Muster aufstellt, das Schiff nur 
das schwarze, oder Hera nur einfach die lilienarmige nennt, also durch 
Hervorkehrung eines "einfachen Merkmales", welches als ein besonders 
hervorstechendes doch eine momentan so lebendige Vorstellung des 
Gegenstandes in der Phantasie hervorrufen kann, wie es überhaupt 
ohne eine Darstellung für das Auge nur möglich ist, oder aber durch 
Verwandlung des zusammengesetzten Bildes in eine Handlung. Kein 
moderner Dichter hat dies besser verstanden als Scheffel in den Liedern
        

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