Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426333
zu Rom. 
Kapelle 
sixtinischon 
der 
161 
Errettungen des auserlesenen 
von ältern Malern die Thaten 
wunderbaren 
WVävnden ab er 
Volkes Gottes, an den 
des Erlösers und seines 
Vorläufers Moses im alten und neuen Bund, endlich auch seiner Nach- 
folger, der Apostel, wenn wir RaphaePs Tapeten mit hinzurechnen, 
die ja bestimmt waren, hier bei den hohen Festen auch mit aufge- 
hängt zu werden. Dazu kommt nun aber oben ringsum an der 
Grenze von Wänden und Decke eben diese grandiose Darstellung der 
Menschheit durch Michelangelo, der Menschheit als solcher, der zu 
Liebe doch das Alles geschehen sein und immer noch geschehen soll. 
Inrdiesem Sinn und Zusammenhange hätten sie aber nicht grossartiger 
und passender dargestellt sein können als eben so, wie es hier ge- 
schehen ist, in der ungeheuren Mannigfaltigkeit ihrer ihr von Gott 
verliehenen Gaben und Fähigkeiten zu allem Guten, die sie trotzdem 
nicht in den Stand setzen, aus eigener Kraft zum wahren Heile und zu 
voller Befriedigung zu gelangen. Und die Idee, den Menschen, wie 
er ist und sein muss, wenn das, was Gott will, sich an ihm erfüllen 
soll, so unverblümt hier in den Kreis der heiligsten kirchlichen Hand- 
lungen und Vorstellungen mit hinein zu nehmen, ist gewiss ganz im 
Sinne jener frischen, natürlichen Gedankenwelt der Renaissance, die es 
vermocht hat, dass ihre Religion und Philosophie, Poesie und Kunst eine 
so frische, fröhliche Verbindung mit einander eingehen konnten, wie sie 
sich in den realistischen Werken ihrer kirchlichen Kunst offenbart. 
Ich kann nicht sagen und bezweifle es fast, 0b irgend Jemand 
dem Künstler das Programm oder Recept dictirt hat, wonach er dies 
Thema an dieser Stelle und in diesem Sinn hat behandeln sollen. 
Aber das weiss ich: wenn wir diese Idee in seinem Werke verkörpert 
sehen, so haben wir sie nicht hineingetragen, sondern aus dem un- 
mittelbaren Eindruck desselben gewonnen. Michelangelo selbst wäre 
gewiss damit einverstanden, wenn wir uns so an das halten, was er 
uns zu sehen giebt, und es auf uns wirken lassen, statt von vorn 
herein irgend einen leitenden Gedanken darin zu suchen, und auch 
sein hoher Gönner, der alte Haudegen Papst Julius II., der ihm das 
Werk aufgetragen hat und nicht erwarten konnte, bis es fertig vor ihm 
stand, würde wohl nichts dagegen gehabt haben. Jedenfalls werden wir 
so am meisten der Lust und Freude an dem lebensvollen Bilde theil- 
haftigr 
die 
der Künstler 
ohne Zweifel 
bei 
der Arbeit 
daran gehabt 
hat. 
H enk e , Vorträge
        

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