Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426268
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Michelangelo an 
Decke 
so aus: die Familien in den Stichkappen des Gewölbes sind auf der 
Reise, die in den Lünetten zu Hause. Die Fläche der Stichkappen 
ist ein Dreieck mit breiter unterer Basis, In diesem ist immer eine 
Familie, in der Regel die Frau in der Mitte, Mann und Kinder um 
sie her, zu einer fast geschlossenen Gruppe an der Erde zusammen- 
gekauert. Wenn man diese Bilder einzeln in Gallerien anträfe, würde 
man sie vielleicht auf das beliebte Thema "Ruhe auf der Flucht nach 
Aegypten" taufen; denn in allen scheint die ganze Familie wie zur 
Ruhe im Freien auf dem Boden gelagert. In den Lünetten aber ist 
der Raum über jedem Fenster in zwei Hälften getheilt, in welchen 
Mann und Frau wie in zwei Räumen einer Wohnung auf Bänken 
sitzen, die mit dem Rücken an den obern Rand der Wölbung des 
Fensters angelehnt sind; und hier sind sie mehr oder weniger häus- 
lich beschäftigt, meist mit der Erziehung der Kinder, besonders die 
Mutter, was ja auch das Hauptgesehaft ist, Wodurch sie sich als Vor- 
fahren des Stammes legitimiren, aus dem das Heil der Welt geboren 
werden soll. Wenn man aber daneben einen gemeinsamen Grundzug 
von Trauer und Schmerz, von Hoffen und Harren auf Erlösung in 
allen diesen Bildern erkennen will, so muss ich gestehen, derselbe 
scheint mir ziemlich willlzürlieh hinzugedacht zu sein; aus dem Ein- 
drucke der Bilder tritt er mir nicht entgegen. 
Betrachten wir also nun 1) die einfachen Gruppen der Stichkappen 
etwas naher, so finden wir sie alle dreieckig oder, wie man gewöhn- 
lich sagt, pyramidal in dem gegebenen Raume eingefügt und aufge- 
baut und meist um die Frau, also die Mutter, als die Hauptperson 
des innern Familienlebens gruppirt, immer die ganze Familie mög- 
lichst bequem und dicht bei einander am Boden gelagert und zu- 
sammengehockt. Sie lassen auch vielfach die Köpfe hängen, und darin 
will man wohl den Ausdruck der Trauer erblicken. Es scheint mir 
aber meist mehr Müdigkeit auszudrücken. In einer Gruppe, 
es Springer besonders als Zeichen von Schmerz und Gram 
hebt, hat es einen noch äusserlicheren Grund. Die Mutter 
bei der 
hervor- 
hat ein 
Stück Zeug vor sich auf dem Schoosse ausgebreitet und schneidet mit 
einer Scheere hinein. Das Kind darf mit anfassen; der Vater sieht 
zu. Also müssen sie natürlich alle drei vor sich niederblicken. Die 
Mehrzahl dieser Bilder aber zeigt die 
zuschlafen, oder Wirklich schlafend, 
ganze Familie im 
die Köpfe nicht 
Begriffe ein- 
nur geneigt,
        

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