Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426253
Kapelle zu Rom. 
der sixtinischen 
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sich erlauben dürfen, hier an heiliger Stätte, aber als Würdigste 
Gäste, neben der Ein- und Unterordnung in und unter die allgemeine 
Andacht, auch noch ihren eigenen Gedanken über die höchsten Fragen 
des Lebens mit forsehender Prüfung nachzuhängen. 
Und wenn nun so an den Zwickeln des Gewölbes die stufenartige 
Geistesentwiekelung des Menschen in einer Fülle einzelner Gestalten, 
fast wie Einzelstatuen gedacht und nebeneinander hingestellt, zur Dar- 
stellung kommt, und wenn Michelangelo hier seinen eigenen plastischen 
Stil am vollkommensten entwickelt, so wird diese Darstellung der 
Menschheit in den Bildern, Welche die Fensternischen erfüllen, in der 
Art erweitert, dass sich mehrere Personen zu einheitlichen Gruppen 
zusammenfassen, und dieser Zusammenhang ist der der Familie. 
Familienbilder sind alle diese Gruppen, sowohl die einheitlichen in 
den Gewölbekappen über den Fensternischen, sogenannten Stiehkappen 
des Gewölbes, als auch die in dem halbrunden Streifen der Wände 
oberhalb der Fensteröflfnung, den sogenannten Lünetten, welche frei- 
lich immer in zwei Hälften mit Mann und Frau nebst mehr oder 
weniger Kindern getheilt sind, sich aber doch in Gedanken wie im 
Raume immer Lmgezwvungen zur Einheit der Familie zusammenfassen. 
Sie werden alle zusammen als "Vorfahren der Maria" bezeichnet, und 
dies wird dadurch angezeigt, dass auf Tafeln mitten über den Fenstern, 
welche jede Lünette in zwei Hälften theilen, der Stammbaum der 
Maria angeschrieben ist. Dies ist nicht so zu verstehen, als ob nun 
jedes Bild ein Glied des Stammbaums darstellen solle; sondern es 
ist diese Bedeutung der Bilder nur in der Art durchgeführt, dass es 
eine Reihe von Bildern des Familienlebens, als Bild der Abstammung 
des Heilandes, wie jedes Menschen, aus einer langen Reihe von Gene- 
rationen darstellen kann, die sich ohne viel Eigenthümlichkeit in der 
breiten Masse des Volkslebens verlieren. Und so reprasentiren diese 
Bilder in den Nischen die Menschheit in ihrem Zusammenleben, wie 
die Einzeliiguren an den Gewölbezwickeln inider Entwickelung der 
Individuen. 
Die Gruppen in den beiden Theilen der Nischen aber, die oberen 
in den Stichkappen des Gewölbes und die unteren in den Lünetten 
der Virand, dicht über den Fenstern, stellen zweierlei Zustände des 
Familienlebens dar. Unser alter Freund Leibnitz, der sich ja Jahre 
lang mit diesen Bildern beschäftigt hat, (lrückte dies einmal einfach
        

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