Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426240
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Michelangelo 
der 
Decke 
querüber gereckten Arm. Sie könnte sonst fast von Raphael sein; 
aber in diesem Anne ist wieder die ganze eckige Art der combinirten 
Bewegungsaction von Michelangelo hart und charakteristisch ausge- 
sprechen. 
Fassen wir den Eindruck von allen diesen grossen, gewaltigen 
Propheten und Sibyllen zusammen, so kann ich nicht sagen, dass sich 
mir überhaupt nach Charakter und Stimmung ein sehr einheitliches 
Bild aus ihnen allen ergicbt, sondern vielmehr die Verkörperung eines 
möglichst individuell verschiedenen Greisteslebens, meist in Anschlüssen 
an Wissenschaftliche Arbeit, aber in allen Abstufungen der Anspannung 
oder Zerstreutheit, der Concentration oder des Abspringens, des stillen 
Brütens oder der gesteigerten Bewegung, aber eigentlich doch nirgends 
der vollen, ganzen Befriedigung in einem grossen Zuge voller Be- 
geisterung. Und so repräsentiren sie alle die gesteigerte geistige 
Entwickelung, für welche die Kraft und Action der körperlichen 
Organe nur noch ein gehorsames Werkzeug ist, nicht mehr, wie im 
jugendlichen Naturzustande ein Element, in dem die Seele frisch und 
fröhlich sich auslebt. Und so bilden sie den letzten Abschluss der 
Reihe von typischen Zuständen, in Welchen uns der Mensch, wie auf 
verschiedenen Stufen einer fortschreitenden Entwickelung durch die 
ganze Reihe von Bildern an diesen GGWÖlbGZWViCkGlII der Decke 
über der Kapelle dargestellt ist, von dem rekelhaft unnatürlichen 
Sichgchenlassen der Rüpel durch das kindische Treiben der Karya- 
tiden, den freien Anstand der grösseren Kinder und die tüchtige 
Dienstbarkeit der Sklaven, über welche sich am Ende das reine 
Geistesleben, als letzter Zweck des Lebens überhaupt nach moderner 
Culturansicht, erhebt. Und wenn nun alles dies hier so realistisch, 
wie leibhaft gegenwärtig, oben rings über den Wänden und um die 
Decke dargestellt ist, um da gewissermassen eine ideale Gegenwärtig- 
keit der Menschheit, von der niedersten bis zur höchsten Stufe, bei 
den heiligen Handlungen, denen die Kapelle dient, zu repräsentiren, 
so können wir sagen, verkörpern alle diese Naturmenschen und Geistes- 
heroen den sehr ungleichen, activen oder passiven, persönlichen An- 
theil, mit dem sie alle bestimmt sind in dem Heilsleben der Kirche 
mit aufzugeben, die Einen, indem sie in dunkelem Drange, ohne Viel 
Bewusstsein und Gedankeninhalt nur dieselbe Luft mit dem Heiligsten, 
das da als gegenwärtig verehrt wird, athmen, die Andern, indem sie
        

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