Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426174
sixtinischen 
der 
Rom. 
Kapelle zu 
145 
Endglieder, möchte ich sagen, die Hände und die Blicke, welche einer 
bestimmt erkennbaren Intention der Bewegung folgen, wie denn der 
geistig arbeitende Mensch fast überhaupt nur von diesen beiden noch 
einen bewusst willkürlichen Gebrauch macht. Geistige Arbeit ist es 
aber offenbar, um deren Ausdruck es sich hier handelt. Die geistige 
Arbeit verkörpert sich sichtbar und greifbar als literarische Arbeit, 
d. h. in der Beschäftigung des Lesens und Schreibens, und an 
diese anknüpfend ist sie auch hier dargestellt. Fast alle Sibyllen 
und Propheten sehen Wir theils mit Büchern, theils mit Streifen Papier 
beschäftigt; erstere, denke ich mir, brauchen sie, um darin zu lesen, 
letztere, um darauf zu schreiben. Aber trotzdem sehen wir sie meist 
nicht eigentlich i1n Begriffe ruhig anhaltend zu lesen oder zu schreiben; 
sondern sie sind dargestellt, wie sie in (lieser Arbeit pausiren oder 
sieh unterbrechen, und solche Momente sind es ja recht eigentlich, in 
denen die eigene geistige Arbeit einsetzt, das Nachdenken über das, 
was man bisher gelesen hat, oder was man weiter schreiben will. 
Das Lesen repräsentirt als Quelle, aus welcher geschöpft wird, die 
receptive, das Schreiben als Product, die productive geistige Arbeit; 
aber die geistige Pointe der Auffassung gegebener und die Erfassung 
neuer eigener Gedanken folgt ihm doch eigentlich erst nach, oder geht 
vorher. Das Schreiben namentlich ist schliesslich eine ziemlich 
mechanische Verrichtung, die das niederzulegende Geistesproduct 
schon als fertig voraussetzt. 
Nur zwei Propheten haben nichts mit Büchern und Papier zu 
schaffen, Jonas am schmalen Ende der Kapelle, gerade über dem 
Altare, und J eremias zuächst daneben am Anfange des Südseite. J onas 
ist dargestellt, halb sitzend, halb liegend, in starker Verkürzung, die 
sehr bewundert wird, wie ihn der Walliisch, dessen Kopf im Hi11tcr- 
grunde noch zu sehen ist, eben halbnackt wieder an die Luft gesetzt 
hat. Erstaunt gen Himmel blickend, scheint er sich 1nit den Händen 
etwas, wie man sagt, „an den Fingern abzuzahlen". Wir können uns 
vorstellen, dass er sich Alles verrechnet, was er eben plötzlich in 
Gottes schöner Welt von Neuem leibhaftig vor sich sieht, und daran 
zum frohen Bewusstsein seiner Wiederkehr an das Tageslicht auf- 
richtet. Jeremias dagegen (Seite 146) hat den grauen, bärtigen Kopf 
mit tief gesenktem Blick vorwärts auf die Hand und mit dem Ellbogen 
auf das Vorgesetzte Kinn gestützt. Man erblickt darin den Ausdruck 
Henke, Vorträge. 10
        

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