Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426161
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Michelangelo 
der Decke 
ich möchte sagen: zum Hochrelief gesteigert dar, sondern ebenso 
Michelangelds eigenartige Actionsmotive. Die plastische Behandlung 
jeder dieser Gestalten wie eine grosse sitzende Statue und doch breit 
reliefartige Aufstellung an der Wand der als aufrecht ansteigend ge- 
dachten Gewölbeflächen ist auch bei ihnen einfach aus der Vorstellung 
lxoch da, oben frei und 
Wand sässen und nicht 
heraus motivirt, als wenn sie wie wirklich 
ohne Geländer auf schmalen Plätzen an der 
herabfallen dürften. Dies Motiv spielt freilich bei ihnen nicht die 
Hauptrolle wie bei den deeorirenden Sklaven; aber es ist doch auch 
hier vollständig durchgeführt. Ihre Sitze sind ja auch nicht so 
schwindlig wie etwa die Postaniente, auf denen sich die deeorirenden 
Sklaven halten müssen; aber doch immerhin auch so frei in der Höhe 
angebracht, dass sie zu einer festgesammelten Position nöthigen. Sie 
bestehen aus einer Bank an der "Wand zwischen den beiden Pilastern 
mit den Karyatidengruppen und einem Fusstritte vor derselben. Der 
Abstand der Pilaster ist reichlich gross als Sitzplatz für eine Person, 
aber die Tiefe des Sitzes scheint recht gering und auch der Fusstritt 
nur wenig vorspringend. Daraus folgt für den, welcher hier ruhig 
und sicher sitzen soll, die Nöthigung, sich doch möglichst nahe an die 
Wand heran zu halten und kein Glied unnöthig vorzustreeken. Dies 
thun nun die Sibyllen und Propheten zwar nicht mit siehtlicher 
Aengstliehkeit und Vorsicht wie die Sklaven, aber man sieht doch, 
dass sie sich gehörig fest so zurecht gesetzt haben, um hernach nicht 
mehr allzu viel darauf achten zu müssen. Besonders die Frauen haben 
dies fast alle in der Art zu Stande gebracht, dass sie ziemlich schräg 
mit den Schenkeln entlang der Kante der Bank sitzen, mit dem 
Rücken einem der Pilaster zugewenrlet, sodass sie wenigstens von dem 
Fusse bis zur Taille im Profil vor uns sitzen; die Männer setzen die 
Füsse fest vor sich auf und strecken kein Glied unnöthig vor. Da- 
gegen nach den Seiten, zwischen den Pilastern können sie sich 
nebst ihren dienstbaren Geistern und Allem, was sie zu ihren Studien 
brauchen, etwas mehr ausbreiten. 
Während nun also die untere Hälfte aller dieser Gestalten, von 
den Hüften bis zu den Füssen durch das Motiv des ruhigen Sitzens 
auf dem Stuhle ihre feste Position hat, bleibt die obere, aufwärts vom 
Gürtel frei zu anderweitiger Action; und freilich kann sie als Ganzes 
nun auch nicht weit ausgreifen, sondern vorzugsweise sind es nur die
        

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