Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426155
Kapelle 
der sixtinischen 
zu Rom. 
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der Bewegung des ganzen Körpers, sondern nur die vorsichtigste, um- 
sichtigste Benutzung jedes einzelnen Gliedes für sich. S0 bewundern 
wir hier die vortreffliche Maschine des menschlichen Körpers als 
Werkzeug des Willens in zwar niedriger, aber tüchtiger Dienstbar- 
keit. Es ist die Freude am Menschen hier künstlerisch verkörpert, 
welche wir empiinden, wenn wir den Maurer auf hohem Gerüste, den 
Matrosen in der Takelage ohne Lust und Behagen, aber mit ge- 
sannneltem Ernst und sicherrn Gehorsam seine Arbeit verrichten 
sehen. Und die Freude an dieser Sicherheit und Tüchtigkeit ist zwar 
nicht die höchste, aber doch auch eine Art von Befriedigung, mit der 
wir ihr Bild in der Kunst als eine wesentliche Entwickelungsstiife in 
der Cultur unseres Geschlechtes mit Genuss anschauen können. 
Dagegen stellen nun endlich 5) die Propheten und Sibyllen die 
höchste Stufe geistiger Entwickelung und Individualität dar. Männer 
und Weiber, alte und junge, mächtige Gestalten, reich gekleidet, 
prächtig und gross in lebhaften Farben ausgeführt, also ganz wie 
leibhaftig gegenwärtig, sitzen sie rings da oben auf den Hauptplätzeix 
in jedem Zwickel der Deckenwölbung und neben ihnen stehen oder 
hocken noch Kinder, die ihnen als kleine Diener oder Trabanten bei- 
gegeben sind. So scheinen sie gleichsam wie Ehrengäste aus grauer 
Vorzeit in das Heiligthum des gegenwärtigen Üultus der Kirche zu- 
gezogen zu sein, und es leuchtet auch auf den ersten Blick ein, dass 
sie wesentlich mit geistiger Arbeit, mit wissenschaftlichem Nachdenken 
über grosse und tiefe Probleme der Menschheit beschäftigt sein werden. 
Dies alles entspricht auch der Rolle, die sie in ihrer Eigenschaft als 
Propheten und Sibyllen, d. h. als Vorläufer des Christenthumes im 
Judenthume und in der Heidenwelt zu spielen haben. Wollen wir 
uns nun aber den eigenartigen Eindruck, den sie machen, des Nähern 
klar machen, so kann man freilich Wohl mit H. Grimm darauf 
kommen, zuvor die altkirchliche Tradition von Propheten und Si- 
byllen zu studiren und zu suchen, was von denselben hier im Bilde 
zu erkennen sei; man kann sich aber auch einfach wieder an das 
halten, was uns der Künstler vor Augen gestellt hat, und was es für 
Eindruck auf uns machen muss, und Michelangelo könnte mir leid 
thun, wenn dabei nicht auch etwas heraus käme. 
Die Sibyllen und Propheten stellen nicht nur die reliefartige Be- 
handlung aller Malereien an den Gewölbezwvickeln am ausgeprägtesten,
        

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