Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426109
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der Decke 
Blichelaxmgelo 
4) kommen wir nun zu den grossen nackten Jünglingen, die, ganz 
in Naturfarbe und sehr lebendig ausgeführt, auf dem Gesimsc 
über den Zwickeln und zwar auf kleinen Postamenten über den Pi- 
lastern sitzen, weiche die Sitzplätze der Propheten und Sibyllen ein- 
fassen. Sie gruppiren sich also paarweise über jedem solchen Sitze 
der eigentlichen Haupttiguren und annähernd, wenn auch nicht ganz 
symmetrisch, wie Schildhalter um Wappenschilder, um die gemalten 
Bronceplatten mit Reliefs, welche mitten zwischen ihnen, also grade 
über den Sitzen der Hauptfiguren an einer Art von Brüstung oder 
Verschalung auch noch über dem Gesimse oberhalb der Zwickel ange- 
bracht sind. In diesen nackten Jünglingcn kommt nun die ganze 
eigenartige Kunst der Menschendarstellung Michelangelds nach Stil 
und Charakter, in ihrer virtuosen Naturwahrheit und ihrer ausstudirten 
Motivirung der complicirtesten Actionen zum vollen Ausdrucke. In 
ihnen, kann man sagen, gipfelt die (lecorative Verwendung aller bisher 
besprochenen Figuren an den Gewölbezwickeln, und sie sind selbst 
mit einer augenblicklichen weiteren Decoration des Raumes über den 
Wänden der Kapelle beschäftigt. 
In der Auffassung dieser nackten Jünglinge oder Sklaven, wie sie 
gewöhnlich genannt werden, nach ihrer Haltung und Action weiche 
ich nun Wesentlich von anderen bisherigen Darstellungen ab. Ins- 
besondere ist es Springer, der eine Ansicht von ihnen entwickelt, 
welcher ich nicht beitreten kann. „Ihre materielle Function," sagt er, 
d. h. die Beschäftigung mit den da oben anzubringenden Decorationen, 
„ist einfachster Natur. Doch," fügt er hinzu, „nehmcn sie diese Auf- 
gabe nicht ernst. Alle strotzen von jugendlicher Kraft, und diese 
Lebensfülle, die überzuschäumen droht, die Bewegung der stolzen 
Glieder zum Genüsse erhebt, auszudrücken und zu verkörpern, er- 
scheint als ihr wesentlichster Zweck." Das wäre freilich nichts weniger 
als sklavisch. Ich linde aber im Gegentheil, dass ihre Lagen und 
Haltungen im Ganzen und Einzelnen nichts weniger als frei und un- 
gezwungen sind, sondern eine peinliche Zwangslage und Zwangsarbeit 
darstellen, von der ihre ganze Aufmerksamkeit sehr ernstlich in An- 
spruch genommen ist. Und zwar führt sich dieselbe auf zwei Be- 
dingungen zurück: l) die Situation, in der freilich mehr oder weniger 
alle Menschen an den Zwickeln dargestellt sind, diese aber ganz be- 
sonders ausdrücklich, dass sie nämlich alle frei und ohne Geländer
        

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