Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426098
der sixtinischen Kapelle 
Rom. 
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Platz in der Hauskapelle des Papstes gegönnt. Im Zusannnenhange 
aber stellt die Unart dieser Rangen, die, wie in der Schule, im Ganzen 
stillhalten müssen, aber ihren Muthwillen nicht ganz unterdrücken 
können, auch eine Art von Durchgangsstufe in der Entwicklung vom 
gedankenlosen Naturmenschen zur reifen Entfaltung aller Kräfte und 
zur wieder in sich gekehrten höheren GEiStBSCIIltIXP dar. 
3) die grössern Kinder, welche in Naturfarben gemalt, also schon 
wie leibhaftig anwesend, die untere Spitze der Zwickel abwärts vom 
Fusstritte der Sitze von Sibyllen und Propheten einnehmen, stehen 
hier schlank und aufrecht, mit den Füssen dicht bei einander auf einem 
kleinen Postamente da, theils nackt, theils mehr oder weniger be- 
kleidet, theils paarweise symmetrisch, und zwar die einander gegen- 
über an beiden Seiten der Kapelle, theils nicht. Es giebt im ganzen 
Bereiche der Kapelle, ja man kann sagen: der Kunst von Michel- 
angelo keine Bilder des Menschen, die im Stil und Charakter der 
Antike so nahe stehen wie diese aufrecht stehenden Kindergestalten. 
In der freien aufrechten Haltung stellt sich die Bildung des mensch- 
lichen Körpers stets am vollkonnnensten als einheitlicher Organismus 
mit harmonischer Action aller seiner Glieder dar, und ebenso leicht 
und frei und sicher wie antike Statuen stehen diese Kinder hier auf 
dem schmalen Posten, der ihnen gegeben ist, da. Aufwärts, wo der 
Raum in dem Zwickel etwas breiter wird, breiten sie die Arme etwas 
aus. Sie kommen damit zum Theil nahe an die Tafeln heran, die 
über ihrem Kopfe an dem Fusstritte der Sitze von Sibyllen und 
Propheten hängen und die Namen derselben tragen. Man sagt daher 
auch, dass diese Kinder die Tafeln tragen; aber bei näherer Be- 
sichtigung fassen sie dieselben doch nicht fest genug an. Eher greifen 
sie leicht mit den Händen in Schlingen von Schnüren, welche mit und 
an den Tafeln aufgehängt sind, wie um sich selbst etwas daran an- 
zuhalten, oder stemmen in ähnlicher Absicht die Hände etwas gegen 
die Ränder der Gewölbezwickel an, wie z. B. unter der persischen Sibylle 
(Seite 132); aber auch dies Anhalten hat doch nur den Charakter 
eines leichten Antastens für den Fall einer kleinen unvorhergesehenen 
Schwankung. Im Ganzen stehen sie frei und sicher da. Und in 
dieser einfach sicheren Haltung repräsentiren sie eben auch eine Art 
von jugendlichem Uebergang aus kindlich primitiver Zerstreutheit zu 
gereifter geistiger Concentration.
        

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