Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426088
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lälichelangelo 
der Decke 
welche in Steinfarbe, also wie Stücke der Architektur, je ein Paar 
an jedem Pilaster zur Seite der Sitzplätze von Sihyllen und Propheten 
und je zwei Paar symmetrisch zu beiden Seiten desselben Sitzplatzes 
angebracht sind. Da müssen sie nun fein geduldig aufrecht neben 
einander stehen, um die Last der Consolen über ihren Köpfen tragen 
zu helfen. Aber sie nehmen es damit nicht zu genau. Es ist, als 
wüssten die Schelme, dass sie von Stein sind. iWenn sie also auch 
mit Kopf und Füssen nicht vom Platze weichen dürfen, so treiben 
sie doch, so gut es ohne das geht, allerlei Unfug und Allotria, oder, 
wie Springer sagt, "unschuldige Neckerei" mit einander. Und wenn 
wir näher zusehen, so regt sich in diesem kindischen Treiben schon 
allerlei, was fast über die Grenzen nur kindlicher Spielerei hinaus 
geht. "Tiefer Sinn liegt oft im kindischen Spiel". Denn l) sind es 
gar nicht so kleine Kinder, wie man auf den ersten Blick denkt, weil 
sie in einem sehr kleinen Massstabc neben den Sibyllen und Propheten 
gehalten sind; ihre Körperformen zeigen schon recht entwickelte 
Jugendfülle (bei der persischen Sibylle, Seite 132, und beim Propheten 
Jeremias Seite 146). Und 2) kommt in Betracht, dass fast in jedem Paare 
ein Mädchen und ein Bübchen beisammen stehen. Da ist es nur natür- 
lich, dass es ihnen etwas absondcrlich vorkommen muss, wie sie so 
gänzlich unverhüllt bei einander und vor aller Welt dastehen. Nur 
die Paare neben dem Propheten Jesaias, welche nur aus Mädchen be- 
stehen (Seite 133), treten ganz unbefangen, in gleichem Schritt und 
Tritt neben einander vor. Andere dagegen blicken verschämt zu 
Boden, oder sie versuchen sich einen Schleier umzunehmen (bei der 
persischen Sibylle, Seite 132). Oder ein Knabe streicht dem Mädchen 
zutraulich mit der Hand über die Stirn hinauf (beim Prophet Jeremias 
Seite 146); sie fasst ihn von hinten am Kopf. Eine andere will dem 
Knaben die Hand, die er ihr auf die Schulter legt, wieder herunter- 
nehmen (beim Propheten Ezechiel Seite 141). Es kommt aber auch noch 
munterer. Die Knaben werden zudringlich, versuchen die Mädchen 
an ihrer Seite zu küssen oder zu umarmen, und diese wehren sich 
nun ebenso handgreiflich (bei der erythräischen Sibylle Seite 140) oder 
suchen zu entfliehen. Kurz, man kann sagen: wie in der kirchlichen 
Kunst des Mittelalters allerlei Kurzweil, hier und da versteckt, dem 
Ernst der heiligen Hauptdarstellungen zur Seite geht, so hat auch 
Michelangelo in diesen Karyatiden dem Humor einen bescheidenen
        

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