Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426065
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der Decke 
Michelangelo 
Um nun zuerst die Reihen von Abstufungen der Menschheit in 
den Einzeliiguren, welche an den Zwickeln des Gewölbes in typischer 
Weise wiederkehren, i1n Ganzen zu überblicken, müssen wir von der 
architektonischen Gliederung dieser Gewölbezwickel selbst ausgehen. 
Die Fläche jedes Zwickels stellt ein grosses Dreieck dar, mit der 
Spitze nach unten an die Wand, 1nit der Basis nach oben an die 
Decke anstossend. In jedem dieser Dreiecke ist ein grosses Haupt- 
und Mittelstück als Sitzplatz für die Hauptpersonen, Sibyllen und 
Propheten, nach den Seiten durch Pilaster neben dem Sitz, nach unten 
durch einen Fusstritt abgegrenzt. So bleiben als Rest drei kleine 
Dreiecke übrig, eins in der Spitze der Zwickel unterhalb des Fuss- 
trittes, zwei über den Fensternischen, seitwärts von den Pilastern und 
alle diese Räume, sowie die Ränder der Pilaster selbst sind mit 
Figuren besetzt oder ausgefüllt. Dazu kommen dann noch solche, 
welche auf dem Rande des Gesimses über den Zwickeln sitzen und 
zwar auf Postamenten oberhalb der Pilaster, welche die Sitze der 
Hauptpersonen einfassen; diese ragen also in den Raum des Mittel- 
streifens der Decke "hinein, welcher die grossen componirten Bilder 
enthält; aber sie gehören trotzdem in den Zusammenhang der Com- 
position von Figuren, welche die Zwickel erfüllen. Denn sie erheben 
sich ihrer Stellung nach ebenso wie diese aufrecht über den Wänden 
der Kapelle und werden also auch ebenso von gegenüber her ge- 
sehen, während man die Mittelbilder richtig vor sich hat, wenn man 
auf den Altar zugeht. 
In dieser Gliederung aller Zwickel des Gewölbes sind nun ebenso 
regelmässig wiederholt typische Reihen von Menschen zur Darstellung 
gebracht, die sich nach den Stufen geistiger Entwickelung und Indi- 
vidualisirung, welche sie repräsentiren, etwa in folgende Ordnung 
bringen lassen: 1) nackte Kerle in Holz- oder Broncefarben gemalt, 
also wie Schnitzereien an der Wölbung zu betrachten, welche die 
Ecken der Zwickel neben den Sitzplätzen also über den Oeffnungen 
der Fensternischen einnehmen. Ich will sie als primitivste Natur- 
menschen nach dem Vorbilde von Shakespeare als Rüpel bezeichnen. 
2) die an den Pilastern zur Seite der Sitzplätze doppelt paarweise 
angebrachten, in Steinfarbe gemalten, also wie Ornamente der archi- 
tektonischen Gliederung gedachten Kindergestalten, die sich wie 
Karyatiden den Pilastern anfügen, 3) grössere Kinder, welche
        

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