Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426037
Kapelle 
sixtinischexm 
der 
zu Rom. 
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seine Glieder zu brauchen und zu irgend einem Zwecke anzustrengen; 
oder aber aus stärkerer, Wenn er sich mit seiner geistigen Intention 
oder Aufmerksamkeit auf irgend einen bestimmten einzelnen Zweck, 
wie z. B. eine technische Arbeit zuspitzt, zu dessen Erfüllung nur ver- 
einzelte Handgriffe nöthig sind ohne Betheiligung vieler anderer 
Glieder, und ganz besonders, wenn bei rein geistiger Thätigkeit der 
Gebrauch der körperlichen Organe etwa mit Ausnahme der Augen 
und Hände ganz unbetheiligt bleibt. So repräsentiren die Menschen 
des Michelangelo theils unreifere, priinitivere, theils höher cultivirte 
Geisteszustande als das fröhliche, kräftige Vollgefühl des vollen Lebens 
im Leibe, wie es die Antike als mittleren Normalzustand des Menschen 
darstellt, und dieser Eindruck ist dadurch gesteigert, dass Michel- 
angelo uns auch alle Altersstufen vom Kinde bis zum Greise vor 
Augen stellt, während sich die Antike an die mittlere Stufe der reifen 
Jugend oder vollen lllanneskraft halt. Damit giebt Michelangelo also 
dieser vollen Kraftentfaltung des menschlichen Lebens nicht den reinen 
Ausdruck wie die Antike, dafür aber ein um so tiefsinnigeres Bild 
des ganzen Menschendaseins in seinem Werden, Wachsen und Aus- 
gange. Und diese Stufengänge, in denen das volle Bild der reifen 
Kraft nur ein Durchgangsmoment ist, durchläuft er wie nirgends sonst 
in diesen Deckenmalereien. 
Weiter folgt aus dieser Art Haltung der Menschen, wie sie Michel- 
angelo im Gegensatze zur Antike darstellt, noch eine Ausdehnung der 
Action, die wir darin erblicken, über den einen dargestellten Moment 
hinaus. Denn indem ein bestimmter Grund und Impuls momentan 
nur den Gebrauch einzelner Glieder motivirt, verharren die übrigen 
in Lagen, die sie, man kann sagen: zufällig eben zuvor gehabt haben. 
Zuvor aber hatten auch diese einen Grund in einer willkürlichen Ab- 
sicht, und wenn dies noch erkennbar ist, so erblicken wir in diesem 
Bilde nachträglich auch noch eine vorhergegangene Action, und im 
Fortgange von dieser frühern zu der augenblicklichen Action sehen 
wir vielleicht zugleich auch eine bevorstehende sich vorbereiten. 
Lessing hat diese Ausdehnung dessen, was die bildende Kunst über 
den einen dargestellten Moment hinaus zur Anschauung bringen kann, 
theoretisch begründet durch seine Aufstellung des Begriffes von dem 
"fruchtbaren Momente" , welchen der Künstler aus der Reihe von 
Acten einer zusammenhängenden Handlung zur Darstellung auswählen 
9„
        

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