Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426026
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Michelangelo 
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der Decke 
Kauern haben ihren Grund in einer nachlassigen Haltung des Körpers, 
einer bequemen Art, sich gehen zu lassen, bei der sich die Knochen 
und Gelenke, wie ein in die Ecke gelehntes Geräth, ihrer Schwere 
nach bald so, bald so an-, über- und gegen einander stemmen, lehnen und 
einknicken, sodass man so rekelhaft gelagert am Ende gar einschlafen 
kann, wie solches bei Nachtfahrten auf der Eisenbahn oft ähnlich wie 
in den Werken von Michelangelo lzu sehen ist. 
Solche Arten von Stellungen der Einzelfiguren überwiegen auch an 
den Malereien dieser Gewölbezwickel und sind hier auch zunächst 
durch die Situation, in der sie da oben sitzend, oder in Ecken der 
Architektur hockend angebracht sind, motivirt. Es entsteht nun aber 
die Frage, 0b und wie die bildliche Darstellung des Menschen in 
solcher Art von Körperstellungen anstatt der gefalligeren, wie sie die 
Antike klassisch repräsentirt, auch einem höheren geistigen Gehalte 
der Kunstwerke als geeignetes Mittel des Ausdruckes dienen kann, 
indem sie geistige Zustände der Menschen repräsentirt, welche wir in 
ihnen dargestellt sehen. 
In den Körperstellungen der Antike mit ihrer von Kopf bis zu 
Fuss durchgehenden energischen Einstellung aller Glieder nach einem 
Zug und Ziel der Bewegung drücken sich Handlungen, Absichten 
und Stimmungen aus, in welchen sich die Glieder unseres Leibes am 
vollkommensten als willige Organe des Geistes bethätigen, im leichten 
Spiele des Stehens und Gehens, des Tanzes und der Gymnastik, oder 
auch im gewaltigen Ringen des Kampfes mit Feinden oder mit einem 
furchtbaren Schicksal, aber immer mit vollem Aufgehen in irgend 
einer solchen einfachen Action. Und auf die Totalität solcher Ein- 
drücke führt sich die harmonische Wirkung aller Grazie und Energie 
in den Werken der Antike zurück. Dagegen die nachlassigen, eckigen, 
rekelhaften Stellungen der Menschen des Michelangelo sind der Aus- 
druck von Zuständen und Stimmungen, in denen der Mensch die 
Organe seines Leibes mit wenig oder gar keiner geistigen Intention 
und Aufmerksamkeit beherrscht. Dergleichen Zustände giebt es nun 
mancherlei und aus mancherlei inneren Gründen, theils aus minderer, 
theils aus stärkerer geistiger Concentration heraus, als die ist, mit 
welcher wir uns der Herrschaft über unsere Glieder voll und ganz 
und freudig bedienen. Aus minderer, wenn der Mensch sich in 
dumpfer, stumpfer Trägheit oder Müdigkeit nicht die Mühe giebt,
        

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