Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426001
128 
der Decke 
Michelangelo 
abbildung ausdrücken, dem die Malerei durch möglichst kräftige 
Modellirung wenigstens so nahe als möglich kommen soll, so schliesst 
es doch durch den Ausdruck "Relief" noch eine nahere Vergleichung 
dessen ein, was die Plastik eben nur im Relief mit der Malerei gemein 
hat, die Ausbreitung der Bilder auf einer Fläche, auf die Ansicht von 
einer Seite berechnet. Um bei der Ausbreitung auf einer Flache, 
oder in der Ansicht von einer Seite doch plastisch zu wirken, müssen 
die dargestellten Dinge selbst möglichst wie in einer Fläche ausge- 
breitet gedacht, nicht in der Tiefe hintereinander gestellt sein. Es 
müssen keine starken Verkürzungen angewandt werden, die selbst beim 
starken Hochrelief der Pergamener nicht leicht verständlich wirken. 
Daran halt sich nun Michelangelo in der Regel auch hier als Maler. 
Er malt mit starker, man kann sagen hoch plastischer Modellirung 
durch Licht und Schatten, aber doch reliefartig ohne viel starkes 
Hervor- oder Zurücktreten der Theile. 
Aber er motivirt nun diese seine Form der Darstellung, dies 
Formalprincip seines Stiles, möchte ich sagen, hier an diesen Gewölbe- 
zwickeln höchst einfach realistisch dadurch, dass er die Menschen so 
daran hininalt, als sässen oder standen sie wirklich da oben, über 
der Wand der Kapelle, frei auf schmalen Rändern oder Ecken ohne 
Geländer, und müssten sich in Acht nehmen, nicht herunter zu fallen. 
Daraus folgt dann von selbst, dass sie sich möglichst in der Flache, 
an der sie gemalt sind, mit ihren Gliedmassen ausbreiten, ohne Vor- 
streckung heranhalten müssen. 
Um auf diese Illusion einzugehen, müssen wir freilich davon ab- 
strahiren, dass die Gewölbezwickel selbst keine gerade aufrechten 
WVände sind, sondern vornüberhängen, so dass sich in der That Niemand 
mehr an ihnen halten kann. Dies erleichtert uns aber der Künstler 
dadurch, dass er die Flächen der Zwickel mit einer perspectivisch ge- 
malten, architektonischen Gliederung überzieht, welche scheinbar 
gerade zu dem, ebenfalls nur gemalten Gesimse ansteigt, mit dem er 
die Mitte der Decke oberhalb der Zwickel rings umgeben hat. Man 
spricht wohl geradezu von einer fingirten Construction, die Michel- 
angelo in die Decke hinein gemalt haben soll. Das geht wohl zu 
weit. Der Gedanke dieser Construction an Stelle der wirklich vor- 
handenen, lasst sich nicht durchführen; auch die Perspective ist nicht 
vollständig so durchgeführt, als sähe man von unten aus an einer
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.