Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425985
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Michelangelo 
der 
Decke 
Die Kunstgelehrten unserer Zeit befolgen ganz überwiegend die 
erste dieser beiden Methoden, indem sie überall bemüht sind, uns die 
Entstehung der Kunstwerke aus der gesammten geistigen Strömung 
ihrer Zeit und Umgebung verständlich zu machen. Dem gegenüber 
kann es wohl nichts schaden, wenn auch einmal einer, der danach 
nicht viel fragt, der aber darauf geübt ist, die Gestalt und Bewegung 
des menschlichen Körpers zu beobachten, einfach herkommt und sich 
auch die Kunstwerke darauf ansieht, was die Menschen, die da zu sehen 
sind, thun und treiben und was damit etwa ausgedrückt ist. Ich habe 
in dieser Art früher (im vorigen Vortrage) versucht, mich von meinem 
Standpunkte aus über die Art und Weise, wie einer der grössten Plastiker, 
aller Zeiten, wie Michelangelo die Menschen darstellt, im Allgemeinen 
auszusprechen. Ich möchte in derselben Weise speciell sein grösstes 
Werk betrachten, d. h. das, in welchem er die Darstellung von 
Menschen auf seine Art in der reichsten Fülle entfaltet hat; das sind 
die Malereien an der Decke der sixtinischen Kapelle, insbesondere 
rings am Rande um die Mitte derselben herum. Denn erstens hat er 
hier so viel Menschen zusammen abgebildet, wie kaum sonst in all' 
seinen grossen Werken zusammengenommen, und zweitens zwar nicht 
plastisch, d. h. in Stein und Erz, sondern in Farben al fresco gemalt, 
aber in einer Art der Auffassung einzeln oder zu einfachen Gruppen 
verbunden, wie in der Plastik; und, da er nun nach seiner eigenen 
Erklärung und aller Welt Meinung doch vor Allem Plastiker ist, so 
kann man sagen: hier hat er doch eigentlich in wenigen Jahren seiner 
ersten vollen lllanneskraft das Meiste von dem geleistet, Wodurch er 
als der, der er ist, dasteht. 
Die grosse Menge der an diesen Rändern der Decke über der 
sixtinischen Kapelle dargestellten Einzelfiguren und Gruppen wird durch 
eine typisch hindurchgehende Gliederung des Raumes und der Ab- 
stufungen von Bildern, die ihn" erfüllen, zu einem grossen, in sich zu- 
sammenwirkenden Kunstwerke componirt. Diese Gliederung haben 
wir also zunächst im Ganzen zu überblicken. Die Wölbung der Decke 
steigt über den Wänden mit ZWlCkGlU, die unten spitz aufsetzen, zum 
flachen Mittelstreifen empor. Michelangelo hat diesen {lachen Mittel- 
streifen durch ein gemaltes Gesimse ringsum gegen die anschliesseiulen 
Zwickel abgegrenzt. Zwischen den Zwickeln' bleiben nischenartige 
Vertiefungen, in welche die Wände und mit ihnen an den Langseiten
        

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