Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425977
an der Decke 
Michelangelo 
der sixtinischen Kapelle. 
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lichen Körpers aus, wie Wir sie in den fertigen Kunstwerken mit 
Augen durchgeführt sehen, und fragt dann, was damit ausgedrückt ist 
oder sein soll. Sie macht sich zu dem Ende klar, wie die sichtbar 
dargestellte Gestalt und Lage der Menschen auf eine Bewegung oder 
Handlung schliessen lässt, welche wir uns als vorhergegangen oder 
in Absicht genommen hinzudenken müssen, und weiter wie sich in 
dieser die Verfolgung einer leitenden Idee ausdrücken kann, die dann 
als idealer Gehalt des Werkes aus dem Anblicke desselben hervor- 
leuchtet. 
S0 durchgeführt, hört die eine dieser beiden Betrachtungen da 
auf, wo die andere angefangen hat, und so kann möglicherweise jede 
derselben allein zu einem vollen Verstandnisse des Zusammenhanges 
zwischen der sinnlichen Erscheinung und dem idealen Gehalte der 
Kunstwerke führen; oder aber, wenn die eine oder andere ihr letztes 
Ziel nicht ganz erreichen, so werden sie sich doch in der Art er- 
gänzen, dass die eine das besonders in's Licht stellt, was die andere 
nicht ganz aufklärt; sie werden einander auf der Mitte ihres WVeges 
begegnen. Man kann aber auch sagen: beide werden von ihrem 
Standpunkte aus verschiedene Interessen vertreten. Die Betrachtung, 
welche von den Ideen ausgeht, die in den Werken verkörpert sein 
sollen, fasst sie im Sinne der Absicht auf, in der sie von den Macht- 
habern ihrer Zeit und ihres Landes bestellt worden sind. Denn um 
die Geltendmachung dieser Ideen und die Beherrschung ihrer Zeit und 
ihres Volkes mit Hülfe derselben war es diesen zu thun, und dazu 
sollte ihnen auch die Kunst nur dienen helfen. Die andere Be- 
trachtung dagegen, die von dem ausgeht, was wir in den Werken 
leibhaftig dargestellt sehen, geht in das Interesse ein, mit dem die 
Künstler sie gemacht haben. Denn ihr Beruf zur Sache ging von 
der Lust und Fähigkeit aus, den lebendigen menschlichen Körper leib- 
haftig anzuschauen und abzubilden. Und gleicherweise dienen auch 
beide Arten der Betrachtung einem verschiedenen Interesse, in welchem 
wir die Werke zu verstehen oder geniessen streben. Die, welche von 
den Ideen ausgeht, die sich in ihnen aussprechen sollen, dient dem 
historischen Interesse, welches sich an das Eingreifen der Kunst in 
die Strömung ihrer Zeit knüpft. Die, welche von den abgebildeten 
Gestalten ausgeht, fördert direct das Verständnis, mit welchem wir die 
Kunstwerke um ihrer selbst willen mit Genuss betrachten.
        

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