Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425919
mit der Antike. 
Vergleich 
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keit einer harmonischen Befriedigung im Leben und damit jene 
grosse Reaction erlösungsbedürftiger Weltentäusserung hervorrief, 
nach welcher wir dasselbe Zeitalter das der Reformation nennen, 
Michelangelo, selbst zu den ersten Grössen der Renaissance zählend, 
lebte doch nicht Wie sein glücklicherer, schnell dahin gegangener 
Nebenbuhler Raphael, den vollen Zug jugendlicher Heiterkeit der 
Renaissance. Einsam und ernst, mit den Jahren, die er fast bis auf 
neunzig brachte, hörte er nicht auf zu bilden und zu schaffen; denn 
über siebzig war er alt, als er erst noch anfing, den Bau der Peters- 
kirche zu übernehmen, in deren riesiger Kuppel er der einen katho- 
lischen Kirche die monumentalste Stätte und bildliche Darstellung 
gegeben hat. Er fand aber in "seiner Kunst, so stark und voll sie 
uns entgegentritt, nicht den vollen Frieden des Geistes, sondern theilte 
den der deutschen Reformation verwandten Zug von Vileltverachtung, 
welcher damals auch in Italien und besonders in den Kreisen seiner 
gefeierten Freundin Vittoria Colonna die Geister mächtig bewegte, 
wenn er auch hier nicht zur Trennung von der katholischen Kirche 
mit ihrem sinnlich lebendigen Cultus, mit ihrem Glauben an die 
Blöglichkeit des Heiligen auch in dieser Welt führte. Ergreifend 
klagt er in einem Gedichte seines Alters, die Schwärmerei, welche ihm 
die Kunst zum Idol und zur Gebieterin seines Lebens gemacht, er- 
kenne er jetzt als eine Verirrung, da Malen und Meisseln nicht zum 
wahren Frieden führe. 
Diesen Geist Michelangelo's, der nicht in klassischer Heiterkeit 
und harmonischer Befriedigung sich des Lebens freuen kann, weil er 
dessen Gegensätze zu tief empfindet, kann man sagen: athmen auch 
seine Werke. Wer von dem Geiste ausgehtiuntl die Mittel zu seiner 
Veranschaulichung als das, was sich danach richten muss, ansieht, 
wird sagen, so fühlte Michelangelo, und deshalb musste er solche 
Menschen uns darstellen, wie er gethan hat. Unsere Betrachtung hat 
umgekehrt die technischen Studien und Fertigkeiten, die er besass, 
zum Ausgangspunkt genommen und uns dahin geführt, dass sie ihn 
besonders befähigten, gerade in diesem Geiste den Menschen dar- 
stellend aufzufassen. Sollen wir darüber streiten, welche Art der Be- 
trachtung uns besser die YVerke der Kunst verstehen lehrt? 10h (lenke, 
jede kann an ihrem Theile dazu beitragen. Denn das macht ja eben 
den grossen Künstler, das macht seine Wlerke zu einer so einzigen
        

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