Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425908
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Michelangelo 
Menschen des 
Mehrzahl 
seiner 
Söhne 
auch 
mit 
ihrem 
Leibe 
Wieder 
ihren 
Mann 
stehen kann. Und wir stehen in dem Erfolge dieses Strebens mitten 
inne, wir sehen durch denselben das Wlunderbare sich erfüllen, wie 
unser Volk, das schon sehr gealtert war, wieder jung wird und von 
vorn anfängt, sich eine grosse Stellung in der Geschichte mit gleicher 
Kraft der That wie des Gedankens von Neuem zu erobern; aber 
antike Menschen werden wir darum doch nicht wieder, werden also 
auch ferner nicht nur für die Antike, sondern auch für Michelangelo 
ein Auge und einen Sinn behalten. 
Für den Einzelnen ist es freilich Geschmackssache, ob und wie 
viel ihm dies auch ein Genuss ist. Es giebt immer Leute, deren 
Empfinden so viel mehr nur auf den altklassischen Eindruck der 
Harmonie von Leib und Seele gestellt ist, dass ihnen die Contraste, 
welche dieselbe stören oder auflösen, nicht behagen. Zu diesen darf ich 
wohl vor Allen den grossen "Cicerone" Jakob Burkhardt rechnen, mit 
dem ich in der objectiven Auffassung von der Kunst Michelangelds nach 
Form und Inhalt so vielfach übereinstimme und der ihr doch für 
seine Person subjectiv so viel reservirter gegenübersteht. So z. B. 
wenn er sagt: "der Beschauer wird merkwürdig gestimmt gegen einen 
Künstler, dessen Grösse ihm durchgängig imponirt und dessen 
Empfindungsweise doch so gänzlich von der seinigen abweicht." Es 
stimmt ganz damit überein, wenn er auch Shakespeare gegenüber 
auf dem Fusse einer mit Scheu gemischten Hochachtung bleibtg). 
Michelangelo selbst lebte in einer Zeit, die nach ihrem Charakter 
in Kunst und Wissenschaft den Namen der Renaissance, der Wieder- 
geburt davon trätgt, dass der Geist der Antike in ihr wieder auf- 
lebte und besonders in Italien die herrlichsten Blüthen gesättigter 
Schönheit in Kunst und Leben entfaltete, in der aber auch die ele- 
mentarste sittliche Rohheit noch daneben herging und in den ernsteren 
Geistern ein tiefes Gefühl von Unzulänglichkeit, ja Unmöglich- 
i) Ich kann dies nicht aus seinen Schriften belegen, aber ich hoffe keinen 
Verrath an dem freundlichen Vertrauen zu begehen, das mir der verehrte grosse 
Kunstkenner trotz dieser Verschiedenheit unserer Geschmacksrichtung entgegen- 
gebracht hat, wenn ich diesen Eindruck von mündlichen und brieflichcn Aeusse- 
rungen aus der Schule plauderc, da er als eine vollkommene Parallele zu seiner 
Auffassung der Renaissance hierher passt. Sie ist ihm eben stets nur so Weit ganz 
sympathisch, als sie im wahren Sinne des Wortes nur wiedergeborene antike 
Art zu empfinden zum Ausdruck bringt.
        

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