Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425885
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Die 
des 
Menschen 
Michelangelo 
Spitzen der Zwickel, mit denen die Wölbung der Decke sich über der 
Wand erhebt, aufrecht stehen (s. u. S. 132. 133). Wäre die schöne griechi- 
sche Broneestatue des betenden Knaben in Berlin schon damals aus dem 
Schlamm des Tiber aufgetischt gewesen, man könnte denken, sie hätte 
ihm bei einer dieser Kindergestalten als Vorbild gedient. Hier haben 
wir Harmonie im Gebrauche aller Glieder zur Erhaltung einer sehr 
einfachen Gesainmthaltung des Körpers, wie bei antiken Figuren. 
Aber diese Darstellungsart des Menschen spielt hier im Zusammen- 
hange einer grossen Composition nur die Rolle einer von vielen 
Zwischenstufen zwischen den extremen Geisteszuständen der Men- 
scheu, wie sie die rüpelhaften Kerle in den Seitenecken der Ge- 
wölbezwickel und andrerseits die Geistesheroen, die Propheten und 
Sibyllen darstellen. Und in der That steht ja der einfache Normal- 
zustand des Verhältnisses von Körper und Geist, wie ihn die Antike 
als Typus der Menschheit festhält, als ein Uebergangsztistand zwischen 
ihrer ersten Entwickelung in der Jugend oder Barbarei und ihrer 
geistigen Zuspitzung im Alter und der höhern Cultur. Und neben 
diesem Uebergangszustande giebt es noch mancherlei andere Durch- 
gangsstufen auf dem Wege der allmählichen Steigerung, wie kindische 
Rekelei oder angestrengte mechanische Thatigkeit in der Arbeit, und 
auch diese sind von Michelangelo an der Decke der sixtinischen 
Kapelle in typischen Repräsentanten, in den kleinen Kindergestalten 
zur Seite der Sibyllen und Propheten und in den grossen Sklaven- 
gestalten zu Hauptern jener dargestellt  
S0 hat also die Menschheit in dem Bilde, welches uns die Werke 
Michelangelds von ihr darstellen, zwar nicht eine so einfach har- 
monisch befriedigende Gestalt, wie sie uns aus der Antike entgegen- 
tritt, aber einen viel grösseren Reichthum verschiedener geistiger Ent- 
wickelungsstufen, zwischen denen jene harmonische Entfaltung der 
Kräfte des Körpers und Geistes nur ein einzelner Durchgangspunkt 
ist aus den elementarsten zu den geistigsten, Die Antike greift ihn 
als schönstes Bild mitten heraus und ignorirt die übrigen. Bei 
Michelangelo tritt er zwischen diesen gar nicht stark hervor. Wir 
4') Ich breche dies Thema. hier ab und verweise auf den folgenden Vortrag, 
in welchem diese verschiedenen Typen von Menschen an der Decke der sixtini- 
schen Capelle, die ich doch als das eigentliche Hauptwerk seiner Menschendar- 
Stellung betrachte, ausführlich beschrieben sind.
        

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