Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425848
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Blenschen 
Die 
des Michelangelo 
meister der Plastik, dem grossen Phidias herrühren. Hier in diesen 
eingekrallten Fingern haben wir das Löwenkrallen, in dem wir 
Michelangelo erkennen, die verhaltene Körperkraft unter der Herr- 
schaft des Geistes. Und wie imponirt dies erst in seiner Eigenart und 
eigenen Wirkung, wenn wir bemerken, dass übrigens die ganze Stel- 
lung von Glied zu Glied nur die Wiederholung des Motives einer 
sehr ruhig gehaltenen Matthäusstatue von Donatello ist  nur eben 
auch von Glied zu Glied überall die verhaltene Action gesteigert. 
Noch gehaltener, aber im Kleinen doch schon ebenso ausdrück- 
lich ist die vereinzelte energische Bewegung mit ihrem prägnanten 
Ausdruck in den beiden Jugendwerken ausgesprochen, welche sonst 
noch sehr an die ruhig steife Ausdrucksweise des Mittelalters erinnern, 
der Pietas in Rom und der Madonna in Brügge. Die Maria mit dem 
Leichnam Christi auf dem Schoosse sitzt so steif und fest da wie mög- 
lieh, um ihn quer über ihre Kniee zu halten, und starrt mit unbeweg- 
lichen Blicken mitten auf ihn herab. Nur die zur Seite hinabgewvendete, 
nach oben geöffnete linke Hand giebt der Todtenklage des "dahin 
für immer" ihren einfachen, deutlich sprechenden Ausdruck. Und 
ebenso steif und feierlich ernst und noch mehr wie ganz in sich ver- 
sunken, sitzt die Madonna in Brügge da und scheint kaum zu bemerken, 
wie ihr das Kind vom Schooss herabsteigt, indem es mit einem 
Fusse schon auf der Stufe vor dem Knie der Mutter, auf dem es 
zuvor gesessen hat, steht, mit dem andern von da weiter hinab tritt. 
Nur mit ihrer linken Hand hält sie die rechte des Kindes noch fest 
auf dem Knie, während es selbst mit seinem linken Arm das Knie 
noch umschlingt, und hier fasst sich also in diesem Doppelgriä vor 
dem linken Knie der Maria doch der ganze Ausdruck inniger 
und sicherer Zusammengehörigkeit von Mutter und Kind durch 
festes Halten und warmes Empfinden deutlich zusammen. 
Sehr unähnlich in Thema und Eindruck, dagegen gleichwohl ver- 
wandt in der Methode der Darstellung mit allen diesen würdigen 
sitzenden Statuen sind zwei andere Jugendiverke, welche schlank 
und aufrecht dastehende halbwüchsige Jünglinge darstellen, die feine 
Marmorstatue des Johannes in der Wüste, die seit Kurzem die Samm- 
Zeitschr. 
4') Vgl. Semper in Lützow's 
Abbildung des Matthäus. 
Kunst , 
bild. 
XXII. 
mit 
197
        

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