Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425828
110 
des 
Die Menschen 
Michelangelo 
liebes Behagen an geistlosestenl Sichgehenlassen zurück. S0 harmo- 
nirt nun auch die lebensmüde Schwermuth dieses sinnenden Lorenzo 
auf 
seinem 
Grabe 
wieder 
einem 
gemeinsamen 
Grundtone 
mit 
dem 
ersten 
Erwachen 
ZLIID 
Bewusstsein 
der 
Aurora 
seinen 
Füssen. 
Und 
stimmen 
also 
auch 
letzten 
ästhetischen 
Eifect 
oder 
Stimmungseindruck die Gegensätze des menschlichen Bewusstseins, die 
elementarsten und sublimsten zusammen, welche wegen der ähnlichen 
Art ihrer Aeusserung in der körperlichen Erscheinung so gleich voll- 
kommen in Michelangelos Werken zur Anschauung kommen. Ihre 
Darstellung offenbart zugleich die eigenste Manier und den einheit- 
lichen Eindruck, der seine Kunst charakterisirt. Damit ist nicht ge- 
sagt, dass er in allen seinen Werken nur dies Thema behandelt; 
aber meist ist doch etwas von der Eigenart der Methode in ihnen 
zu erkennen, auch wo es sich nicht darum handelt, jene Zustände dar- 
zutellen, namentlich von der Art mit einzelnen kleinen Bewegungen 
allein, die in einer Figur wirksame augenblickliche Action und Stim- 
mung auszudrücken. 
Da haben wir, äusserlich dem Herzog Lorenzo von Medici ent- 
sprechend, sein Gegenüber, den Herzog Giuliano. In viel energischerer 
Haltung, streitbar, kampfbereit, scharf um sich blickend, den einen 
Fuss unter dem Sitz zurückgesetzt, wie zum Aufspringen, die Hände 
noch lässig auf dem quer über die Kniee gelegten Feldherrnstabe 
ruhend, also die ganze Gestalt wie in Bereitschaft zum Handeln; aber 
auch noch nicht in einer einheitlichen Action der Organe zur Be- 
wegung. Und da haben wir ähnlich seinen gewaltigsten Hehlen, den 
Moses auf dem Grabe Papst Julius des H. (in S. Pietro in vincnlis 
zu Rom). Wie er steif aufgerichtet dasitzt, nur fest und energisch 
zur Seite blickend (den Beschauer scharf fixirend, wenn er vom Ein- 
gange der Kirche her auf ihn zukommt), dabei aber auch den einen 
Fuss wie zum Aufstehen zurückgesetzt, mit der linken Hand die 
Falten seines Gewandes im Schoss anfassend, wie zum Aufheben 
beim Aufstehen, und vor Allein wie er mit den leise gekrümmten 
Fingern der Rechten in den Locken des Bartes vor der Brust arbeitet, 
während der Arm noch fest aufgestützt auf der Gesetztafel ruht, 
Alles verhaltene Kraft, die noch nicht losgelassen ist, aber jeden 
Augenblick losgelassen werden kann. "Ex ungue leonem", aus der 
Kralle den Löwen erkennen, dies geflügelte Wort soll von dem Alt-
        

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