Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425813
mit der Antike. 
Vergleich 
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wenig strengen sie dieselben an und arbeiten mit ihnen auf irgend 
ein Ziel los, sondern sie sitzen unbeweglich in einer wie zufällig an- 
genommenen Stellung auf ihrem Stuhle, und nur die beiden Theile 
des willkürlichen Bewegungsapparates, die am directesten den Zwecken 
des Geistes dienen, die Hände und der Blick, machen irgend eine 
sehr bestimmte kleine Anstrengung. Auf sie hat sich gleichsam die 
Beseelung des Körpers zurückgezogen, wie in der That der geistig 
arbeitende Mensch beinahe von diesen beiden allein noch einen bewusst 
willkürlichen 
Gebrauch 
macht , 
dafür 
aber 
VO11 
ihnen 
auch 
einen 
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ausdrücklicheren. 
Als grosses typisches, plastisches Beispiel dieser Art von Dar- 
stellung geistiger Vertiefung im Bilde der zerstreuten Körperhaltung 
sitzend in sich zusammengekauerter Gestalten betrachten wir noch 
die eine der Statuen auf den Mediceergräbern in der neuen Sacristei 
zu S. Lorenzo in Florenz, die des Herzogs Lorenzo oder, wie 
die Italiener sie genannt haben, des Denkers (il Pensiero). Auch hier ist 
Ruhe im ganzen Körper, und auch selbst in Kopf und Händen 
keine Energie. Fast das Einzige, was durch eine bestimmte Muskel- 
anstrengung bewirkt oder erhalten wird, ist die Vorstreckung des 
rechten Ellbogens, und auch diese dient nur dazu, die Hand desto be- 
quemer auf den Oberschenkel stützen zu können, ohne dass sie ab- 
gleitet.  Der linke Arm ruht spitz und fast balancirend mit dem 
Ellbogen auf einem Ding wie ein Buch oder Kästchen (mit einem 
Thierkopf verziert), das auf dem Knie liegti"). Die erhobene Hand 
aber halt ein zusaminengeknülltes Taschentuch") vor den Mund und 
unterstützt wieder leise das Kinn des unter dem schweren Helm vor- 
wärts gesenkten Kopfes. Es ist das Bild einer Vergeistigung bis zur 
Verweiclilichung, eines Sichverlierens im Sinnen, einer gedankenvoll 
brütenden Zerstreutheit, die sich mit dem gedankenlosesten Natur- 
zustande doch wieder sehr nahe berührt, indem beide in die gleiche 
träumerische Stimmung auslaufen. Springt doch auch in dem Cultur- 
zustande, den wir als Blasirtheit bezeichnen, die Abspannung von zu 
gesteigerter geistiger Vertiefung oder Verfeinerung in ein uranfang- 
i") Es ist nicht, wie Grimm angiebt, eine Armlehne des Sessels. 
H) Es ist nicht, wie ich es früher, getäuscht durch das Bild einer Photo- 
graphie gerade von vorn, beschrieben habe, ein mit der Hand von hinten um den 
Nacken herum gczogenes Tuch. 
        

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