Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425774
mit der Antike. 
im Vergleich 
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wegungsorgane des Körpers ihren naturgemässen Ausdruck haben, 
und welche auch als eine bedeutende Phase des Lebens der Mensch- 
heit der Veranschaulichung werth sind. In diesen findet Michel- 
angel0's eigenste Manier erst ihre breitere Anwendung. 
Es ist eine gewöhnliche Redensart, wenn Jemand in einer solchen 
Art von Zerstreutheit, der Unaufmerksainkeit auf sich selbst eine un- 
geschickte Bewegung oder ein Versehen macht, zu sagen, er habe es 
„in Gedanken" gethan. Wenn damit auch mehr figürlicheriveise ein 
Verstoss entschuldigt werden soll, sagt man wohl auch zum Spott 
(lagegen: „in Gedanken" d. h. ohne Gedanken. Es ist  auch die 
Meinung, dass man an das, woran man eben hätte denken sollen, 
nicht gedacht hat, und es bleibt fraglich, 0b andere Gedanken, in die 
man vertieft war, wie es in jener Redensart angedeutet werden soll, 
hieran Schuld waren, oder völlige Gedankenlosigkeit. Die Wirkung 
auf den Zustand des Handelns, auf die Bereitschaft zur Controle der 
eigenen Bewegungen ist die gleiche: sie ist eine unvollkommene. 
Dieser Zustand ist es ja nun, den die zusaminenhangslosen Bewegungen 
der Gestalten von Michelangelo ausdrücken, und so können sie einen 
gedankenloseren oder auch gedankenvertiefteren Geist darstellen, als 
Figuren von mehr einheitlicher Haltung. Beide stellen sie eine Art 
von Abwesenheit des Geistes vom Körper oder doch von einem grossen 
Theile desselben dar. Im Zustande der Gedankenlosigkeit wie in 
dem der Vertieftheit in eine rein geistige Thätigkeit ist der Leib 
mehr sich selbst überlassen, und nur einzelne Theile setzt der Wiille 
doch entweder halb wie im Traume oder auch mit einer kleinen be- 
stimmten nothwendigen Absicht noch in Anstrengung. Diese Zu- 
stände kommen nicht nur als momentane Stimmungen im Leben häufig 
vor, sondern man kann in ihnen auch, wenn man sie sich bleibend 
vorstellt, das Bild ganzer Kulturstufen der Menschheit anschauen; in 
dem des gedankenlosen Hinbrütens die kindliche, tastende, halb noch 
vor sich hin vegetirende Unsicherheit seiner selbst, wie sie der selbst- 
bewussten Entfaltung aller Kräfte in der klassisch erwachsenen Jugend 
der Welt vorhergehend zu denken ist, jene lllorgendäiinmerung im 
Geiste eines unreifen Volkes, das nach Goethe's Ausdruck: 
dagegen 
in 
,_,Sich selbst und banger Ahnung überlassen, 
"Des Blenschenlebons schwere Bürde trägt," 
der geistigen Vertiefung und dem dadurch 
bedingten
        

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