Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425766
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Michelangelo 
Die Menschen des 
die den 
Interesse 
modernen 
anziehen. 
Menschen 
gerade 
mit 
einem 
unwiderstehlichen 
Auch so eine Art von Grenzzustand des reinen normalen Lebens, des 
körperlichen und geistigen in ihrer Zusammenwirkung und Zusammen- 
stimmung ist die Bctrunkenheit, dem klassisch fein gebildeten Menschen 
ein Greuel, dem modernen ein Zustand, den er auch gekannt haben 
muss und Geschmack daran findet. Daher das Wort: 
„Wer niemals einen Rausch gehabt, 
"Der ist kein braver Mann." 
Dem sterbenden Sklaven verwandt ist der Bacehus (Seite 103), das erste 
Werk von Michelangelo aus der Zeit, nachdem er die Bildungsstätte seiner 
Jugend, Florenz verlassend, sich in Rom auf einen grösseren Schau- 
platz gestellt hat. Wie der Sklave, halt er sich überhaupt nur noch 
mit einem Rest von Energie und Herrschaft über die Organe des 
Körpers in aufrechter Stellung. Vorwärts taunielnd bewegt er sich 
von dem Fusse, auf dem er noch steht (Standbein nennt man es) und 
überträgt die Last seines Körpers schon auf den vorgesetzten (Spiel- 
beiil), ohne dass dieser doch bereits fest genug auftritt, um die Unter- 
stützung desselben zu übernehmen. Er befindet sich also in einer 
ziemlich unsicher vorwärts schwankenden Lage und hebt doch noch 
den vollen Becher mit schwebender Hand vor sich hin und sieht 
hinein, als wüsste er nicht, 0b er ihn noch einmal zum Munde führen 
soll, um sich vollends unter den Tisch zu trinken. Der antike be- 
trunkene Faun in der Glyptothek zu München ist bereits völlig be- 
trunken. Der Baechus hier ist erst im Begriff es zu werden. 
Also solche Grenz- oder Uebergangszustände vom gewöhnlichen 
normalen Zustande des Lebens zu seinen Ab- und Ausspannungen 
i1n Schlafe und Tode oder auch in der Betrunkenheit sind es, in deren 
Verkörperung die Körperstellungen, deren Darstellung Michelangelo 
vor den Griechen voraus hat, ihre prägnanteste, tief bedeutungsvolle 
Anwendung finden. Aber freilich würden sich hieraus doch mehr nur 
vereinzelte Aufgaben für bedeutende Kunstwerke ergeben, und diese 
würden selbst nur an der Grenze des weiten Gebietes der Kunst 
liegen, die den ganzen Menschen zu ihrem Gegenstande hat, wenn es 
nicht auch bleibendere Geisteszustände gäbe, welche in einem ähn- 
lichen, zerstreut sich dehnenden und reckenden Zustande der" Be-
        

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