Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425669
Michelangelo 
Menschen des 
Wenn wir tanzen, so wissen wir nur, dass uns wohl ist, und dass wir 
den Tact der Musik hören; aber fast alle Theile unseres Körpers 
folgen diesem Tacte wie von selbst mit einer sehr complicirten Be- 
wegung, und wir merken es kaum, dass sie doch von unserem Wiillen 
geleitet werden muss. In allen Gliedern selbst scheint der Rhythmus 
durchznklingen. 
Ein solcher Zustand, in welchem wir Seele, Leib und die ein- 
zelnen Glieder desselben kaum noch unterscheiden, weil, was die Seele 
will und was die Glieder des Leibes verrichten, wie von selbst zu- 
sammenstimmt, ist nun offenbar ein Zustand voller Gesundheit beider, 
ein jugendkräftiges volles Leben im Genusse dieser Gesundheit, wie 
es ein gesunder Zustand des Staates ist, wenn alle seine Glieder wie 
aus eigenem Antriebe das zur That machen, was seine Regierung be- 
schlossen hat. Und dieser Zustand voller, frischer, freudiger, gesunder 
Lebenskraft ist es, was die Statuen der Griechen uns in ewiger 
Jugend verkörpert darstellen. In ruhiger aber fester Haltung stehen 
sie da, oder auch, wenn sie in gewaltiger Anstrengung sich stemmen 
oder strecken wie ein kämpfender-Fechter, oder selbst ein leidender 
Laokoon, immer ist der ganze Körper von der einen Action ganz 
durchdrungen, eins mit sich und seiner Seele bis zum letzten Hauche. 
Giebt es, fragen wir uns, nach dieser klassischen Leistung, Ver- 
körperung der schönsten Harmonie des Lebens im vollen Gebrauche 
seiner Organe, noch eine höhere oder auch nur eine andere Aufgabe 
der bildenden Kunst, die den Menschen zu ihrem Gegenstande hat, 
zu der es der Mühe verlohnte, ihn in einem"entgegengesetzten Zu- 
Stande von Leib und Seele darzustellen? Kann es uns erfreuen oder 
auch nur interessiren, andere mögliche Stellungen unserer Glieder 
dargestellt zu sehen, die uns neu und überraschend entgegentreten 
müssen, wenn in den gewöhnlicheren, natürlieheren, die die Griechen 
uns zeigen, allein der Zweck des Lebens sich erfüllt zeigt? Dies 
Wohlgefallen an der zwanglosen Haltung der Glieder in gegenseitiger 
Zusammenstimmung, die nichts Geschraubtes und Willkürliches kennt, 
diese Grazie mit einem Worte ist nicht zu überbieten. Diese Har- 
monie wird zur Dissonanz, wenn die Glieder 
werden, dies hierhin, dies dahin geworfen, 
getrennte Wege geführt 
das dritte sich selbst 
überlassen. 
Eine 
solche 
Auflösung 
des 
harmonischen 
Zusammenbau] ges 
der
        

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