Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425637
mit der Antike. 
Vergleich 
deshalb machen sie den Eindruck gewaltsamer Anstrengung. Wir 
würden aber irren, wenn Wir hieraus schliessen wollten, es sei, wenn 
im Leben ein Mensch eine solche Stellung einnimmt, dazu auch eine 
besonders grosse willkürliche Anstrengung von Muskeln seinerseits 
erfordert. Im Gegentheil, wir sehen ja gerade beim Herumwerfen 
von Leichen, bei denen doch die Muskeln ganz erschlafft sind und 
gar keine Kraft mehr entwickeln, solche Stellungen öfters als an 
Lebenden, sodass wir uns denken können, Michelangelo habe auch sie 
ursprünglich geradezu aus der Anschauung in der Anatomie entlehnt. 
Die Leiche lässt willenlos das alles mit sich machen, was er den 
Leibern seiner Menschen zumuthet, während der Lebende mit Hülfe 
seiner Muskeln es nicht dazu kommen lässt, sich steifer hält. Gerade 
wenn gar keine Kraft von Seiten der Muskeln auf die Knochen Wirkt, 
kann es sehr leicht kommen, dass sie in extremen Lagen der Gelenke 
sich feststellen, indem die Glieder einfach der Schwere nach so oder 
so umfallen oder einknicken, bis es eben nicht mehr weiter geht, und 
dann von selbst sich aneinander stemmen oder aneinander hängen, 
also in den extrem gebogenen oder gestreckten Lagen zur Ruhe 
kommen, ohne dass es zu ihrer Erhaltung der geringsten Anstrengung 
bedarf. Darum eben tritt an der Aurora die Schulter in so extremer 
Zuspitzung vor, weil sie gar nicht durch Muskeln gehalten, und weil 
an ihr der Oberkörper einfach wie an einem Haken aufgehängt ist. 
Beim Theseus dagegen tritt die Schulter deshalb nicht ebenso stark 
hervor, obgleich er sich auch darauf zurücklehnt, Weil die Muskeln 
an ihrer Aussenseite doch auch bei dieser ruhigen Lage gespannt 
bleiben. Gerade bei den gewöhnlicheren, gemassigteren Haltungen, 
wenn z. B. der ausgestreckte Arm, das auftretende Bein weder ganz 
gebogen noch ganz ausgestreckt sind, bedarf es einer Anspannung 
der Muskeln, welche die yerschiedenen Knochen gegeneinander ange- 
zogen halten, um sie in denselben festzuhalten, um zu verhindern, dass 
sie, der Schwere folgend, nach der einen oder anderen Seite vollends 
umschlagen. S0 müssen wir gerade bei den allergewöhnlichsten Hal- 
tungen und Bewegungen, wie Stehen und Gehen, eine Menge von 
Muskeln beständig in Thatigkeit haben. 
Zum Bewusstsein kommt uns dies freilich nur dann, wenn wir es 
bis zur Ermüdung der Muskeln fortgesetzt haben; dann merken wir, 
dass das Stehen ein tüchtiges Stück Arbeit gewesen ist, wenn auch
        

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