Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425626
des Michelangelo 
Menschen 
Die 
dies Alles aus dem menschlichen Körper sich machen lässt, muss man 
förmlich darauf studirt, ja muss man fast, wie Michelangelo ohne 
Zweifel es gethan hat, Leichen auf Tischen herumgeworfen und ver- 
sucht haben, wie sich ihre Glieder alle verschränken lassen. Hieraus 
könnte man denn leicht folgern, dass seine Werke, welche uns das 
Ergebniss derartiger anatomischer Experimente plastisch verkörpert 
zeigen, auch nur einen Anatomen interessiren und befriedigen können, 
der auch gern wissen und sehen will, welche Lagen alle unsere 
Glieder abwechselnd einnehmen können. 
Indess die wichtigste Frage ist doch erst noch, 0b und unter 
welchen Bedingungen solche Körperstellungen doch auch im Leben 
vorkommen können und was für innere Zustände des Menschen sie 
dann ausdrücken. Um dies zu beurtheilen, müssen wir zuvor den 
Antheil unterscheiden, welchen überhaupt verschiedene Organe des 
Körpers daran haben, wenn derselbe in verschiedene Lagen gebracht 
wird. Wir unterscheiden zweierlei zum Bewegungsapparat gehörige 
Organe: 1. passive Glieder der Maschine des Skelets, die Knochen 
und ihre sie verbindenden Gelenke; 2. activ treibende, Quellen be- 
wegender Kraft, welche an dieser Maschine angreifen, die Muskeln 
und ihre sie erregenden Nerven. Die ersteren bedingen es, dass 
unsere Glieder sich in gewissen Richtungen und bis zu gewissen 
Graden biegen oder strecken lassen. Die letzteren vermitteln es, dass 
wir diese möglichen Bewegungen nach unserem Willen ausführen 
können. Man ist nun leicht geneigt, sich das, was wirklich geschieht, 
Ruhe und Bewegung des Körpers, zu einfach nur aus der Function 
jener beiderlei Organe zu erklären: die Maschine des Skelets ohne 
Muskelwirkung in Ruhe, den Eintritt einer Bewegung durch Angreifen 
dieses oder jenes Muskels auf Befehl unseres Willens. Man übersieht 
dabei, dass auch noch andere, nicht von unserem Willen abhängige 
Kräfte theils wechselnd, theils beständig auf dieselbe Maschine ein- 
wirken, namentlich die eigene Schwere ihrer einzelnen Theile. Diese 
können ohne alle Betheiligung von Muskeln Bewegung veranlassen, 
oder umgekehrt auch im _Ruhezustande Muskelwirkungen nöthig 
machen, um eine ungewollte Bewegung zu hindern. 
Bei den Körperstellungen, deren Bedingungen wir aufsuchen 
wollen, ist nun offenbar der passive Theil des Apparates stark in 
Anspruch genommen, den Gelenken stellenweise Gewalt angethan, und
        

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