Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425602
Die 
Menschen des Michelangelo 
dann offenbaren die Knochen ihre Festigkeit durch Aneinander- 
stemmen; und wenn das eine Gelenk hierhin, das andere dorthin ge- 
bogen ist, dann wird unverkennbar deutlich, was zwischen ihnen un- 
biegsam bleibt. 
Fassen wir nun den Totaleffeet des Umrisses der Gestalten ins 
Auge, welcher aus jenen beiden Eigenschaften beider Typen von 
Stellungen resultirt, so harmonirt auch dieser mit dem Charakter, der 
bereits durch die verschiedene Behandlung der Körperoberfläche ge- 
geben war. Wie durch sie im Kleinen und Einzelnen, so wird durch 
die Stellung im Grossen und Ganzen der Umriss bei den Griechen 
mehr ein sanft fliessender und harmonischer, bei Michelangelo ein plump 
eckiger und ungefüger. Die extreme Stellung einzelner Gelenke 
drängt die härtesten und massivsten Theile, die dicken Enden der 
Knochen und mit ihnen die Muskeln gewaltsam hervor; Kniee, Hüften, 
Schultern entladen sich gleichsam der ganzen Wucht von Bein und 
Fleisch, die in den gemässigteren Lagen, an welche die Griechen sich 
halten, gar nicht so grob zu Tage kommen. Die abwechselnden 
Biegungen mehrerer Gelenke hierhin und dorthin lassen die einzelnen 
Abschnitte der Glieder im Zickzack gegeneinander abwechseln, 
machen den ganzen Körper zu einer Masse Von sehr wechselvoller 
oder unruhiger Begrenzung im Gegensatze zu dem stetigen Zuge, den 
sie bei den Griechen haben, wo die Gelenke in derselben Richtung 
zusammenwirken. Wir brauchen, um diesen Gegensatz zu erkennen, 
nicht nur an die Beispiele zu denken, in denen er am stärksten in 
die Augen fällt, die einfach gerade aufgerichteten Götterbilder der 
Griechen, wie die Venus von Melos einerseits, und dagegen die ver- 
schränkten, gekauerten Lagen der allegorischen Figuren der Nacht 
und des Tages am Grabmale des Lorenzo von Medici Michelangelds; 
selbst bei Figuren von im Ganzen möglichst ähnlicher Haltung ist er 
deutlich nachzuweisen. Der Theseus v01n Parthenongiebel und die 
Aurora von Michelangelo (Seite 97 u. 99) stützen sich beide zurückgelehnt 
auf den Ellbogen; bei der Aurora aber ist in Folge dessen die Schulter 
so spitz hervorgetrieben, wie nur möglich; beim Theseus noch lange 
nicht. Jene dreht und windet die einzelnen Abschnitte ihres Körpers 
hier und dahin, bei diesem ist in dem ganzen Rumpfe nur eine ein- 
fach durchgehende massige Biegung zur Aufrichtung des Oberkörpers. 
Alles kann Michelangelo darstellen, nur keine nllllellenschaum-
        

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