Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422350
Verona. 
geschrittener als andere Orte Oberitaliens, namentlich als die verwandten 
Bauten Süddeutschlands, und wie im Ganzen, so auch im Detail; besonders 
an den Kapitälen in S. Zeno lässt sich dies gut beobachten, wie diese 
phantastischen Figuren trefflich in den Raum komponirt, das Groteske 
einer bestimmten architektonischen Idee dienstbar gemacht wird, Am 
deutlichsten jedoch erkennen wir das durch einen Vergleich der Krypta 
von S. Zeno mit der von ihr beeinflussten des Domes zu Freising. Wie 
meisterhaft sind z. B. an einer Säule des Schiffes von S. Zeno vier Drachen 
komponirt, die sich in die Schwänze beissen und deren Köpfe die Ecken 
des Kapitals bilden; wie geschickt werden die kauernden Männchen als 
karyatidenartige Träger verwendet; wie einfach ist das hübsche Motiv, 
die Seiten des Kapitals durch vier Adler zu zieren, das auch in S. Lorenzo 
Verwendung findet, wo die Adler aber an die Ecken des Kapitals gestellt 
werden. Der Schönheitssinn, der klare Blick des Italieners auf das Ganze 
hält hier das wirre phantastische Treiben doch im Zaum; die Wirkung 
wird dadurch freier, ruhiger und einheitlicher, aber allerdings hat auch 
jene völlig ungezwungene Aussprache jugendlich übersprudelnder Phan- 
tasie, die gerade den bayrischen Bauten so sehr eigen, ihren eigenthüm- 
lichen Reiz. Von besonderem Reichthum und voll von originellen natu- 
ralistischen Zügen ist das Ornament an den Friesen, besonders unter dem 
Dache von S. Zeno, dann aber auch an denen des Domes; da sind Jagden, 
Kampfscenen und alle möglichen und unmöglichen Thiere in die zierlichen 
Ranken gefügt. 
Das grosse Westportal des Domes, dessen mächtiger zweistöckiger 
Vorbau unten von vier, oben von acht Säulen getragen, deren vorderste 
auf dem Rücken von Greifen und Löwen ruhen, besitzt gleichfalls eine 
Fülle plastischen Schmuckes. An den Wandvorsprüngen der Portalleibung 
und am Thüreinschlag sind die Relieffiguren von zehn heiligen Männern 
zwar noch recht ängstlich und ungeschickt angebracht, aber interessant 
dadurch, dass sie ein primitiver Versuch jenes Statuenschmuckes der 
Portale sind, den die Franzosen schon seit der Mitte des I2. Jahrhunderts 
(Fagade der Kathedrale von Chartres) bedeutender ausbildeten, dessen 
schönste Blüthe sich an deutschen Portalen des I 3. Jahrhunderts findet, 
wie am Dom zu Bamberg oder an der goldenen Pforte zu Freiberg. Gut 
bewegt sind die Relieffiguren von Roland und Olivier, die neben dem 
Portale NVache halten. 
Schon die Plastik vom Dom und St. Zeno, die offenbar gleicher Zeit 
und Schule entstammt, beweist, dass Verona damals eine höchst bedeu- 
tende Bildhauerschule besessen, der wir diesseits der Alpen um Mitte des 
I2. Jahrhunderts keine geschlossene Schule von gleicher Productivität 
gegenüberstellen können, Wodurch der starke Einfluss der Veroneser 
Plastik auf das südöstliche Deutschland weiter begründet wird. Eine
        

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