Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422129
 
Regensburg als mittelalterliche Kunsthauptstadt Bayerns. 
 
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Die Rechte zeigt nicht mehr die steife Haltung, die sich bis zu antiken 
Kunstwerken, wo sie das Lehren bedeutet, zurückverfolgen lässt, sondern 
die Handbewegung, die der Künstler bei dem segnenden Priester in der 
Kirche beobachtete, giebt er bei seinem Petrus wieder. Die Linke aber 
stützt sich nicht einfach auf das Buch, sondern sie blättert in demselben; 
die Schlüssel, die Petrus sonst steif in der Hand hält, sind, durch einen 
Lederriemen verbunden, über das rechte Knie des Apostels gelegt. Die 
Figur ist sehr fein durchgeführt, so besonders auch die Rechte; der Kopf 
zeigt eine gewisse Freiheit, namentlich in der Haarbehandlung, aber auch 
noch manches Befangene, und steht nicht ganz auf der Höhe desjenigen 
des Erminold; die Art des Stoffes des Gewandes ist trefflich charakterisirt, 
die Falten sind tief ausgearbeitet, im Ganzen gut nach der Natur studirt, 
aber etwas bauschig und mehr noch, als bei der Verkündigung, zeigen sie 
den gefährlichen Hang zum Virtuosenhaften. 
Die Petrusstatue lockt zu einem Vergleich mit jenen Statuen sitzender 
Heiliger, die gleichzeitig in Verona entstanden, und die wir im nächsten 
Abschnitte kennen lernen werden. Die Regensburger Plastik des I4. jahr- 
hunderts hat kein Werk von so grossartiger Gesammtwirkung geschaffen, 
wie die Veroneser in den Skaligergräbern, und auch jenen Statuen sitzender 
Heiliger in Verona kann man monumentale Grösse nicht absprechen, die 
gerade der Petrus in Regensburg gewiss nicht in hervorragendem Maasse 
besitzt, der ihnen dafür in der Durchführung weit überlegen ist. Das 
Gesammtbild der Regensburger Plastik des I4. Jahrhunderts, von der ich 
hier ja nur die bedeutendsten Werke streifen konnte, ist entschieden weit 
reicher als das der Veroneser, und wie gerade jener Petrus im Vergleich 
zu den Veroneser Statuen zeigt, ist die Technik in Regensburg ent- 
wickelter, die Naturbeobachtung schärfer und dadurch die Kunst entschieden 
individueller und lebendiger. Die einzelne Statue steht in Regensburg auf 
höherer Stufe als in Verona; entschieden sind die Reiter im Dom denen 
auf den Skaligergräbern überlegen; nach dem Portrait eines Verstorbenen, 
das mit gleichem Naturalismus und gleicher Feinheit wie das des Ermi- 
nold durchgebildet wäre, sucht man unter den Veroneser Grabdenkmalen 
ebenso vergeblich, wie unter den dortigen Statuen nach einem Seitenstück 
zu der prächtigen Verkündigung an den Vierungspfeilern des Domes oder 
auch zu diesem Petrus. 
In der statuarischen Plastik leistet die Regensburger Schule ihr Bestes; 
ihr gehört auch, abgesehen von den handwerklichen Grabsteinen, bei 
weitem die grösste Zahl ihrer Denkmale an; die Reliefplastik kann zwar 
naturgemäss bei einer so bedeutenden Bildhauerschule des Mittelalters 
nicht fehlen, aber sie steht hinter jener weit an Bedeutung zurück. Das 
Wichtigste unter den Regensburger Reliefs sind die aus dem Ende des 
I4. Jahrhunderts stammenden Darstellungen aus dem Leben Mariä über
        

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