Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424356
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Peter Paul Rubens. 
Rubens pflegte diese Gattung offenbar mit grosser Vorliebe; wir besitzen 
etwa fünfzig durchweg ausgezeichnete, sicher ganz von ihm gemalte 
Landschaften, die sich, wie ein Stich des Schelte a Bolswert lehrt, der 
die Bezeichnung trägt, von Peter Paul Rubens in Rom gemalt, von der 
Zeit, da er in Italien seine künstlerische Selbständigkeit gewann, bis zum 
Ende seines Lebens erstrecken; ja gerade in der letzten Periode scheint 
er sich diesem Fach besonders gern zugewendet zu haben. 
Wenn Rubens der Arbeit müde war, pflegte er sich, wie wir oben 
sahen, durch einen Ritt oder Spaziergang im Freien zu erholen; er ge- 
hörte zu jenen Menschen, die einen beständigen Verkehr mit der Natur 
bedürfen, die wirklich in und mit der Natur leben, für die dadurch jede, 
auch die einfachste Landschaft hohen Reiz besitzt, weil sie in stetem Um- 
gang mit ihr den Wechsel der Stimmungen beobachten, weil sie wissen, wie 
der Weg, den sie täglich zurücklegen, der Anderen einförmig erscheint, 
täglich neue Reize bietet. Grossartige Panoramen, wilde Gebirgsschluchten, 
glänzende Stimmungsbilder werden schliesslich jeden, der irgend einen künst- 
lerischen Sinn hat, in Staunen und Bewunderung versetzen; aber das Ein- 
leben in die Landschaft mit einfachen Motiven erfordert feineres künstlerisches 
Empünden, liebevolles sich Versenken in die Natur, ist dafür aber auch 
der Weg, der zum feinsten künstlerischen Verständniss der Natur führt, den 
die Holländer zurücklegten, den auch Rubens einschlug. Gerade dadurch, 
dass er von einfachen Motiven ausging, gewann Rubens jenen Blick auf das 
Ganze, der für den Landschaftsmaler so wichtig, der den meisten seiner 
Vorgänger fehlte, der es aber allein ermöglicht, die Landschaft im Gesammt- 
bilde wiederzugeben, wie wir sie ja in der That sehen, wenn wir mit 
frohem Blick unser Auge über dieselbe schweifen lassen, und wie wir sie 
auch im Gedächtnisse festhalten; nicht jedes einzelne Gras, jede Blume 
malt er, sondern die blumige Wiese, nicht jedes einzelne Blatt, sondern 
den Baum und in der Ferne die Baumgruppen. 
Rubens greift in seinen Landschaften selbst bei sehr grossem Maass- 
stabe, wie z. B. bei dem Bilde der Heuernte in der Pitti-Galerie, ganz 
einfache Motive auf aus der Umgebung von Antwerpen, Mecheln oder 
einem seiner Landsitze; gerade indem er aber die Landschaft so schlicht, 
wie sie in Wahrheit ist, malt, zeigt er, welch reiche Farbenskala, welch 
feine Stimmungen sich in ihr finden. 
Wer aber nicht nur an schönen Tagen einen Ausflug macht, sondern 
jeden Tag sich in der freien Natur bewegt, weiss recht wohl, wie selten 
die eigentlich ruhigen, die ganz heiteren und klaren Tage sind, er weiss 
aber auch, dass den bewegteren wie den trüberen ein gleich hoher künst- 
lerischer Reiz eigen ist. So greift auch Rubens, zumal die frisch bewegte 
und erregte Natur seinem ganzen Wesen mehr als die zart stimmungs- 
volle entsprach, selbst bei sehr friedlichen Bildern, wie z. B. auf dem
        

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