Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421702
italienische Kunst. 
Deutsche und 
haus, und die bescheidene Kunst mancher kleinen Feldkapelle Tyrols 
sagt uns, dass wir auf dem Wege gehen, auf dem die Kunst Italiens zu 
uns gekommen, auf dem durch Jahrhunderte deutsche Künstler nach Italien 
zogen, um an seiner grossen Kunst sich zu erheben und zu lernen und 
dann selbst grösser geworden in die Heimath zurückkehrten, und denen 
nach all dem Grossen und Schönen, das sie gesehen, doch hier, als sie 
den heimathlichen Boden wieder betraten, das Herz erst recht wieder 
aufging. 
Mit der Wende zum I6. Jahrhundert vermag die deutsche Kunst 
auch in Plastik und Malerei ihre Eigenart frei auszusprechen; Dürer aber, 
der deutscher Art den grössten und charakteristischsten Ausdruck ver- 
liehen, der wies auch durch seine beiden Reisen nach Italien darauf hin, 
welch grosse Anregungen die deutsche Kunst zu ihrer weiteren Ausbildung 
aus der italienischen schöpfen könne, ohne darum auch nur das Geringste 
von ihren eigenen Vorzügen zu opfern. Mit und nach Dürer sind gar 
viele deutsche und niederländische Künstler über die Alpen gezogen, 
beseelt von dem redlichen Triebe, "zu lernen, und sie haben viel gelernt; 
mögen die schwächeren Künstler jener Zeit mitunter in der äusserlichen 
Nachahmung der grossen, italienischen Meister Manieristen geworden 
sein, eine Kunstrichtung, die mehr denn ein Jahrhundert beherrscht, 
muss ein für die Entwicklung bedeutendes Moment in sich bergen; es 
lag darin, dass die nordische Kunst in die Schule der italienischen ging, 
sich ihre grossen Errungenschaften jetzt erst voll und ganz zu Nutzen 
machte. 
Der künstlerische Schwerpunkt des Nordens lag für das 17. Jahr- 
hundert in den Niederlanden, und hier reift die Frucht jener langen, mühe- 
vollen Arbeit. Rubens der Vlame war es, der italienische Grösse der 
Auffassung, italienische Pracht des Colorits mit der Charakteristik und 
der reichen Phantasie des Nordens zu vereinen vermochte; der deutsche 
Stamm der Holländer aber, vor Allem sein grösster Meister Rembrandt. 
verwerthete jene Fortschritte zum Ausdrucke der eigensten Empündungen 
des deutschen Gemüthes; beide Meister und der ganze reiche Kranz der 
Künstler, der sich um sie gruppirt, sind ohne den grossen Einfluss italie- 
nischer Kunst nicht denkbar; aber gleichwohl schaffen sie so ganz aus 
dem Charakter ihres Volkes, dass Winckelmann mit einem gewissen Recht 
sagen konnte: xRubens hat seine Figuren beständig gezeichnet, als wenn 
er niemals aus seinem Vaterlande gegangen wäreq 
Auch für die Folgezeit betrachtete man den italienischen Einfluss, 
der besonders die Kunst des südlichen Deutschlands so massgebend be- 
herrscht, meist als ein Unglück. Eine genauere Kenntniss und richtigere, 
historische Würdigung der Kunstgeschichte jener Zeit wird aber zeigen, 
wie viel wir auch hier der italienischen Kunst zu danken haben, und dass 
Riehl, Kunsreharaktere. 2
        

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