Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424290
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Peter Paul Rubens. 
Zum erschütterndsten Drama aber führt das Gebot des Herodes, die 
Kinder von Bethlehem zu morden. An einem Pfeiler neben der Vorhalle 
eines Palastes ist der mörderische Befehl des Königs angeheftet, und die 
rohen Vollstrecker desselben häufen darunter die Leichen der Kinder, 
denen sie an dem Pfeiler die Schädel einschlagen. Die Halle des Palastes 
ist durch eine starke Wache besetzt; in ihr stehen die königlichen Ab- 
gesandten; kalt und herzlos sehen sie dem blutigen Schauspiele zu. Mit 
Löwenmuth, aber vergebens vertheidigen die Mütter ihre Kinder; sie beissen 
und kratzen ihre Gegner, sie achten nicht des eignen Schmerzes, indem 
sie in den scharfen Dolch greifen, um ihn von ihrem Kinde abzuhalten. 
Voll Verzweiflung wirft sich die Mutter auf den Boden über ihr ge- 
mordetes Kind, dessen Blut ein Hund mit gieriger Zunge leckt; mit 
gellendem Schrei ruft die schöne, reichgekleidete Frau, von deren Busen 
man soeben ihr höchstes Kleinod gerissen, den Himmel um Rache an, und 
hält das Tuch empor, das mit dem Blut ihres Lieblings getränkt ist. 
In der Verzweiflung stürmen die Mütter die Treppe des Palastes, aber 
sie prallen zurück an der wohlbewaffneten Wache. Mit furchtbarem Auf- 
schrei bricht dort eine Frau zusammen, deren Kind eben der Schädel an 
einer Säule eingeschlagen wird; eine andere aber hat der Wahnsinn 
erfasst, sie herzt das gemordete Kind und drückt es an ihre bleichen 
Wangen, als ob noch blühendes Leben in ihm wäre.  Über den rauchen- 
den Trümmern aber, die von dem grässlichen Wüthen der Mordbrenner 
zeugen, schweben die Engel und streuen Blumen nieder auf die unschuld- 
vollen Opfer tyrannischer Wuth, die das Leben, ehe sie dessen Schmerz 
kennen gelernt, verlassen, um es mit einem besseren Jenseits zu ver- 
tauschen. 
Nicht leicht tritt uns bei Rubens die Parallele mit seinem grossen 
Zeitgenossen Shakespeare so unmittelbar entgegen, wie bei diesem Werke 
der Spätzeit des Künstlers, das in der Freiheit der Komposition, dem 
unvergleichlich packendem Leben, das durch die leichte fast skizzenhafte 
Behandlung so momentan wirkt, durch die vollendetste koloristische 
Meisterschaft, die sich ebenso in den prächtigen Gewändern, wie in den 
herrlichen F leischtönen zeigt, zu den bedeutendsten und eigenartigsten 
Schöpfungen des Künstlers gehört. Gerade für die grosse koloristische 
Freiheit von Rubens' Spätzeit ist der Kindermord in hohem Grade 
charakteristisch, zumal wenn man ihn mit einem der daneben hängenden 
früheren Werke, wie etwa mit dem Simson vergleicht. Es ist ein er- 
schütterndes Drama; wie auch anderwarts bei Rubens findet sich sogar 
Grässliches, dass uns schaudern macht, wie hier der Hund, der das auf 
dem Boden fliessende Blut der Kinder leckt; auch Shakespeare zeigt solche 
Züge, und wahrlich nicht weniger als Rubens; die als charakteristische, 
aber uns schmerzlich berührende Zeugen des mächtigen, aber vielfach
        

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