Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424278
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Peter Paul Rubens. 
Hälfte des Bildes nehmen die Verdammten, die Linke die Seligen ein, 
und besser als seine Vorgänger erreicht er die Gleichwerthigkeit der 
beiden Gruppen, vermag er dadurch zu gleicher Zeit den Tag der Rache 
und den des Lohnes, den der grössten Qual und den des höchsten Jubels 
darzustellen. Dass gleichwohl der Sturz der Verdammten für Rubens 
das anziehendere künstlerische Problem bot, ist sicher; in einem der geist- 
reichsten Werke des Künstlers in der älteren Pinakothek, dem sogenannten 
Höllensturz, greift er dasselbe nochmals gesondert auf. In den dunklen 
Raum bricht hier, von dem Schilde des Erzengels ausgehend, der mäch- 
tige Strahl himmlischen Lichtes, und mit unwiderstehlicher Gewalt stürzt 
er den wirren Knäuel der Verdammten kopfüber in den Höllenpfuhl, in 
dem die entsetzlichsten Ungeheuer, Löwen, Schlangen und giftgeschwollene 
Drachen, sich balgen und ihre unglücklichen Opfer zerfleischen. Es ist 
ein Bild von grösster Originalität der Erfindung, von höchstem Interesse 
durch die dramatische Verwerthung des Lichtes, die unvergleichliche, 
koloristische Meisterschaft, die souveränste Beherrschung der menschlichen 
Figur und die merkwurdigste Phantasie und Phantastik, voll der packend- 
sten Einzelmotive. 
Das überwiegende Interesse, das für Rubens der Sturz der Ver- 
dammten besitzt, führt ihn zu einem kühnen Wagniss in dem kleinen 
Jüngsten Gericht. Rubens verlässt hier die traditionelle Anordnung und 
setzt an ihre Stelle eine wesentlich durch malerische Rücksichten bedingte, 
schief gestellte Komposition. Im Vordergrunde rechts stürzen die Ver- 
dammten nieder, links im Hintergründe schweben die Seligen empor. 
Die grossartige Freiheit der Rubens'schen Komposition tritt uns vielleicht 
nirgends klarer entgegen als hier, wo er allein es wagt, aber auch nur 
er es wagen durfte, die durch Jahrhunderte gefestete Tradition zu durch- 
brechen, die auch späteren Meistern wie Cornelius wieder die Grundlage 
für ihre Komposition bot. 
Obgleich aber in dem kleinen Jüngsten Gericht die Verdammten in 
den Vordergrund treten, macht das Werk doch keineswegs den einseitig 
düsteren Eindruck wie das Fresko Michelangelds, wo doch den Seligen 
ein gleich grosser Raum, wie den Verdammten gegönnt ist. Durch die 
prachtvollen koloristischen Effekte bei den Verdammten wird das Grasse 
gemildert, durch den herrlichen Lichtglanz, der von dem Schilde des 
strafenden Erzengels ausgeht, durch das zarteste Licht bei den leicht 
emporschwebenden Seligen, das in dem oberen Theil des Bildes die 
Herrschaft gewinnt über das Dunkel bei den Verdammten, bestimmt nicht 
einseitig der Tag der Rache, sondern noch mehr der des Lohnes, des 
Beginnes der Seligkeit den Eindruck des Werkes. Das kleine Jüngste 
Gericht von Rubens, das sich auch durch maassvolle Formen, eine herr- 
lich leichte, dem bewegten Stoff so sehr entsprechende Malweise aus-
        

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