Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424265
Peter Paul 
Rubens. 
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seinen Schüler Joost van Egmont mit einer Skizze, nach der er das Ge- 
mälde ausführen sollte. Egmont legte das Bild an und arbeitete so 
Heissig fort, dass man fürchtete, es werde ohne einen Pinselstrich von 
Rubens vollendet. Als man deshalb Rubens mittheilte, man habe das 
Gemälde bei ihm und nicht bei seinem Schüler bestellt, antwortete er, 
dass er, um allen Bestellungen nachkommen zu können, gewohnt sei, nur 
die Skizze zu machen, nach dieser legen die Schüler das Bild an und 
führen es aus, er selbst aber gebe ihm dann den vollen Glanz durch die 
letzten Pinselstriche. 
Wenn auch nicht in solchem Maasse, so scheint mir nach der Ver- 
gleichung des Jüngsten Gerichtes mit den daneben hängenden, unzweifel- 
haft ganz von Rubens gemalten Bildern ein Beiziehen von Schülern bei 
der Ausführung des kolossalen Gemäldes doch unzweifelhaft. Die Stelle 
in dem Briefe an Carleton vom 28. April 1618 aber, die man als Beleg der 
eigenhändigen Ausführung von Rubens anführte, beweist eine solche 
durchaus nicht, denn Rubens sagt darin nur, dass er das Bild für den 
Fürsten von Neuburg für 3500 Gulden gemalt habe. 
Nicht durch die freie, geistvolle Malweise, durch die Feinheit und 
Pracht des Kolorits, die Rubens' eigenhändig vollendete Werke auszeichnet, 
fesselt daher das Jüngste Gericht, wohl aber durch das, was daran un- 
zweifelhaft Rubens volles Eigen, durch die mächtige Gesammtwirkung, 
durch die Komposition und Bewegung des Ganzen. Dass Michelangelds 
gewaltiges Fresko des Jüngsten Gerichtes in Rubens nachgeklungen, als 
er das kolossale Bild für die Jesuitenkirche in Neuburg malte, ist sicher, 
noch deutlicher aber wird Jedem sofort die volle Selbständigkeit der 
Rubensschen Arbeit entgegentreten, und auch den wesentlichen Fortschritt, 
den sein Werk zeigt, kann man, glaube ich, nicht leicht übersehen. 
Michelangelo war der Erste, der Himmel und Erde auf dem Jüngsten Gericht 
durch den Sturz der Verdammten, durch das Emporsteigen der Seligen 
verband, dadurch eine einheitliche Wirkung des Ganzen erreichte; aber 
die einzelnen Gruppen, die auf der Erde, die zwischen Himmel und Erde, 
sowie die des Himmels sind doch noch schroff geschieden und das Auf- 
steigen der Seligen zu schwerfällig, ihr Einzug in den Himmel in keiner 
Weise befriedigend gelöst. Erst Rubens erreicht eine vollkommen ein- 
heitliche Wirkung des Jüngsten Gerichtes durch seine unvergleichliche 
Meisterschaft in der Bewegung der menschlichen Figur; erst ihm gelingt 
es ganz, den Sturz der Verdammten als eine von einem mächtigen 
Schlage durchzuckte Bewegung vom Himmel bis zum Höllenrachen, das 
EmpOTSChWBbGII der Seligen von ihrem Erstehen aus den Gräbern, bis 
zu ihrem Eingang in den Himmel in einheitlichem Zuge darzustellen. 
Auf dem grossen Jüngsten Gerichte behält Rubens die traditionelle 
Anordnung noch bei, der Weltenrichter thront in der Mitte, die rechte 
Riehl, Kunstcharaktere. 16
        

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