Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424192
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Peter Paul Rubens. 
lichen Leben ihrer Zeit gründet, dann müssen wir sie eine wahre nennen. 
Wir sind heute glücklicher Weise so weit gekommen, dass wenigstens 
Manche erkennen, dass auch eine Barock- und Rokokokirche ein herr- 
liches Denkmal frommer Gesinnung, ein geeigneter Ort zum Gottes- 
dienste sein kann, dass es nicht nöthig ist, sie mit mittelalterlichen Bau- 
formen zu verquicken, damit sie den rechten, kirchlichen Stil erhalte; 
warum sträubt man sich dagegen, den kirchlichen Charakter in Rubens 
Kunst zu erkennen 1)? Die kirchliche Kunst lässt die verschiedensten 
Auffassungen zu; welche der Künstler wählt, bestimmt vor Allem der 
Charakter des kirchlichen Lebens seiner Zeit, und darin wird wieder die 
Kunstgeschichte zur hochbedeutsamen Quelle der Kulturgeschichte. 
Der kindliche Glaube, den Fiesole malt, kann in der Hochrenaissance 
nicht mehr den Grundton der kirchlichen Kunst angeben; Fra Bartolommeo, 
nicht minder gläubig als sein Vorgänger, muss zu einem anderen Stil 
gelangen, und Michelangelo zumal in seinen späteren Jahren, gerade um 
eine wahre, kirchliche Kunst zu schaffen, dieselbe in neue Bahnen lenken. 
Die schlichte Innigkeit der alten flandrischen Maler wäre in Rubens" 
Tagen ebenso unwahr geworden, war deshalb für den grossen, aus dem 
Geiste seiner Zeit schaffenden Künstler ebenso unmöglich, wie die 
klassische Hoheit der vollendetsten kirchlichen Schöpfungen Raphaels 
Die Kirche, für die und aus der Rubens malte, war die des Katholicismus 
des I7. Jahrhunderts, die streitende Kirche, die Kirche, die ihren vollen 
Glanz entfaltet, um dadurch zu siegen und ihren Sieg zu verkünden. 
So erklärt sich der Charakter der kirchlichen Kunst von Rubens; 
sie will durch die Pracht seines herrlich leuchtenden Kolorites glänzend 
wirken und durch das Frische, Gesunde, Lebensfreudige und Wohlige 
seiner Menschen. Ruhig, majestätisch entfaltet diesen Glanz am poetisch- 
sten der um 1630 gemalte Altar des hl. Ildefons (Wien k. Gemälde- 
Galerie). Auf dem Mittelbilde kniet der hl. Ildefons vor Maria, neben 
deren Thron vier heilige Jungfrauen stehen, und erhält von der Himmels- 
königin ein neues Messgewand zum Dank für die Vertheidigung ihrer 
Keuschheit gegenüber Helvetius. Rubens fasst in seiner realistischen 
Kunst die Scene nicht, wie dies van Dyk wiederholt thut, als Vision, 
sondern in schlichter Wirklichkeit auf. Maria sitzt auf einem Throne, 
den kräftige Säulen schmücken, und auf den Stufen des Thrones kniet 
der Kardinal. Gleichwohl besitzt das Bild ein bedeutendes ideales 
Moment, aber nicht, wie bei der Antike oder einem grossen Theil der 
italienischen Renaissancekunst, durch die Form, sondern durch Licht und 
Farbe. Rubens ist zwar auch in der Form durchaus kein einfacher 
B. Rooses: Geschichte 
München ISSx. 
1) So z. 
Franz Reber. 
Antwerpens. 
der Malerschule 
Deutsche 
Ausgabe von
        

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