Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424052
224 
Rubens. 
Peter Paul 
Rubens derartige Anregungen verwerthete, wie er etwas ganz Anderes aus 
ihnen machte. In der That rufen uns die Rubensschen Bilder in Ant- 
werpen jene beiden machtvollen italienischen Werke ins Gedächtniss, 
und dass Rubens durch sie, namentlich durch ihre lebenswahre, mächtige 
Action, vor Allem aber auch durch die Freiheit der Komposition, besonders 
des Venezianers, wesentliche Anregungen empfing, ist sicher und spricht 
schon aus dem ebenso kühnen als wirkungsvollen Motive, in der Kreuz- 
erhöhung das Kreuz, an dem Christus duldet, das eben aufgerichtet wird, 
in die Diagonale des Bildes zu stellen. Vergleicht man aber im Detail, 
so sucht man vergebens nach irgend welchen Zügen, die Rubens von 
seinen Vorgängern entlehnt hätte; keine Verwandtschaft, nur Unterschiede 
treten uns entgegen, und die Rubenssche Kreuzerhöhung überragt trotz 
aller Vorzüge von Tintorettds Kolossalbild dieses doch ebenso entschieden, 
wie die Kreuzabnahme diejenige des Daniel da Volterra, der man keinen 
schlechteren Gefallen erweisen kann, als sie eingehend mit Rubens" Werk 
zu vergleichen. 
jahre waren ja vergangen, seit Rubens diese Werke der italienischen 
Kunst bewundert und studirt hatte; der mächtige Eindruck, den sie auf 
ihn geübt, mag von Neuem in ihm aufgetaucht sein, ihn angeregt haben, 
als er in Antwerpen jene herrlichen Bilder schuf; aber er arbeitet ganz 
aus einem Gusse, aus eigenster Erfindung. Das Entlehnen einzelner, 
äusserlicher Züge, von denen wir in der Kunstgeschichte so gerne aus- 
gehen, weil es so leicht greifbar, jedem verständlich ist, findet sich bei 
grossen Meistern nicht; nur in grossen Zügen lässt sich bei ihnen die 
Anregung, die fremde Kunst geboten, erkennen. 
Die Kunst der Venezianer zog Rubens als die congenialste am 
meisten an; aber, worauf schon Daniel da Volterra hinwies, das Studium 
der übrigen italienischen Schulen verfolgte er deshalb mit nicht ge- 
ringerem Eifer; bei der allumfassenden Vielseitigkeit, die ihm eigen, 
hatte er auch mit ihnen die mannigfaltigsten Berührungspunkte, konnte er 
auch hier Vieles lernen für seine grossartige Aufgabe, die nordische Kunst 
unter strenger Wahrung seines nationalen Charakters mit der Grösse und 
dem Glanz der italienischen zu vereinen. 
War es bei den Venezianern vor Allem das Kolorit, das Rubens 
fesselte, daneben die freie, naturalistisehe Komposition, bei der malerische 
Gesichtspunkte wesentlich mitsprechen, so zog ihn dagegen bei Mantegna, 
von dessen Triumphzug Cäsars er einen Carton copirte (London, National- 
Galerie) offenbar an, die sichere Beherrschung der theoretischen Grund- 
lagen der Kunst, der scharfe, oft herbe Naturalismus und jedenfalls auch 
die historischen Gegenstände. Nach den beiden Hauptwerken Leonardos 
dem Abendmahl in S. Maria delle grazie in Mailand und der Anghiari- 
schlacht copirte er, und er zeichnete auch Michelangelds Propheten an
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.