Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423869
Leben und Kunst zweier niederländischer Bauernmaler des siebzehnten Jahrhunderts. 
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sein eigenstes in der unter freiem Himmel zum Feste versammelten Volks- 
menge. Auch Teniers Streben, die schmuckeren Paare in den Vorder- 
grund zu schieben, die besten Tänzer für den Reigen auszusuchen, ist 
durch den Charakter des vlämischen Landes und vlämischer Kunst im 
Gegensatz zu Holland begründet; die vlämische Kunst strebt nach Schön- 
heit der Form, nach Glanz und Pracht der Farbe im hellen Lichte, die 
holländische dagegen nach schlicht, ja derb wahr charakteristischer Form, 
nach dem warmen Ton, der gernüthlichen und gemüthvollen Stimmung. 
Im Sittenbilde sprechen sich diese Gegensätze so scharf wie im Historien- 
bilde aus, aber das Sittenbild zeigt durch seine Gegenstände noch klarer 
als jenes, wie sie in Volk und Land begründet sind. So sehr aber auch 
vlämisches Land und vlämische Art die Eigenart von Teniers' Kunst 
motiviren, so erhält sie ihren vollen Charakter, ihre eigensten Reize doch 
erst durch Teniers' Persönlichkeit. 
Teniers war ein Künstler von ausgezeichneter Bildung, ein Mann 
der feinen Gesellschaft, er hatte sich das mühsam errungen; man kann 
es ihm nicht verargen, dass er stolz darauf war, dass er nach weiteren 
Auszeichnungen, vor Allem mit grosser Zähigkeit nach dem Adel strebte. 
Auf den Portraits, die wir von dem Künstler besitzen, tritt er in gewählter, 
eleganter Tracht auf, häufig durch die grosse goldene Gnadenkette ge- 
schmückt; das Haar ist auf der rechten Seite gescheitelt und fällt in 
langen, wohlgepflegten Locken auf die Schultern herab; das Gesicht, das 
durch dieselben umrahmt wird, ist hübsch und zeigt einen festen, männ- 
lichen Ausdruck; die energische Nase, die scharfbeobachtenden Augen 
lassen den Mann voll Willenskraft und thätiger Arbeit erkennen, den 
Künstler, der mit klarem Blick das Treiben der Welt um sich her 
beobachtete. Der kleine Schnurrbart ist etwas kokett in die Höhe" ge- 
strichen; ein leiser humoristischer Zug umspielt den Mund. 
Teniers ist nicht ein Bauernmaler, wie es sein Vorfahre, der alte 
Pieter Brueghel, war, dem es den grössten Spass machte, auf die Bauern- 
hochzeit zu gehen und sich dazu mit seinem Freunde Hans Franckert 
in bäuerliches Gewand zu stecken, damit sich die Leute vor ihm ja keinen 
Zwang anthäten, damit er sie ja recht unbehindert beobachten konnte. 
Auf einigen der grossen Bauernbilder von Teniers sieht man im Vorder- 
gründe feine Leute, die dem Feste zusehen; diese Gruppen eleganter 
Zuschauer sind höchst charakteristisch für Teniers; er hat sich selbst in 
ihnen dargestellt, auch wenn keiner der Leute seine Züge trägt. Teniers 
war der feine Mann, der er in Brüssel war, auch gegenüber den Bauern; 
er vermengt sich nicht mit dem Volke, das er malt; er ist nicht mit 
diesen Bauern glücklich, sondern er sieht sie glücklich und freut sich 
darüber. Teniers steht ausserhalb der Welt, die er malte; er steht ihr 
im gewissem Sinne kühl objectiv, aber gerade deshalb so fein beobachtend
        

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