Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423858
206 
Leben und Kunst zweier niederländischer Bauernmaler des siebzehnten Jahrhunderts. 
Alchymist portraitirt hat, und in der der gleichen Periode angehörenden 
Kneipscene derselben Sammlungzeigt er wieder entschieden holländischen 
Einfluss; er, der das feinste Verständniss für die holländische Kunst 
haben musste, verfolgte offenbar deren reiches Leben mit regstem Interesse. 
Gerade in der Zeit des bedeutendsten und eigenartigsten Schaffens von 
Teniers treten diese Einüüsse aber gänzlich zurück. Etwa seit 1640 zeigt 
Teniers das Streben nach einem leichteren Ton, der anfangs durch den 
Zusammenhang mit der vorausgehenden Weise des Meisters ein warmes, 
zuweilen fast goldiges Licht besitzt, während gegen Ende dieses jahr- 
zehntes und besonders während der Glanzzeit in den fünfziger Jahren in 
der Regel jener höchst reizvolle, klare, kühle Silberton herrscht, innerhalb 
dessen sich die Localfarben so fein abheben. Ohne Zweifel war Rubens 
von wesentlichem Einfluss auf diese malerische Entwicklung des Teniers, 
aber es hat nicht leicht ein Antwerpener Künstler den Rubensschen Ein- 
fluss so frei und selbständig verwerthet, wie T eniers, der eben nur all- 
gemeine Anregung von seinem grossen Freunde gewann, während er 
seine Auffassung und seinen Stil völlig aus sich heraus seiner eigenen, 
von Rubens so sehr verschiedenen Persönlichkeit entsprechend entwickelte. 
Der feine, kühle Ton ist in hohem Grade bezeichnend für die Persön- 
lichkeit des Teniers; er ist es aber auch zumal durch das klare Aus- 
sprechen der Localfarben innerhalb desselben für den Antwerpenschen 
Künstler im Gegensätze zu den Holländern. Aber nicht nur im Ton, 
sondern auch in der Auffassung, ja schon im Vorwurf sind jene grossen 
Bilder der Bauernfeste, die Teniers gerade in seiner besten Zeit so gern 
aufgreift, echte Kinder des vlämischen Bodens und stehen dadurch im 
scharfen Gegensätze zum holländischen Sittenbilde. Teniers malt hier die 
zum Feste versammelte Volksmenge, und wir bewundern das Geschick 
seiner Komposition, wie er die Massen so klar auseinander zu halten, die 
Gruppen so geschickt anzuordnen und doch das Ganze im freien Fluss 
ungezwungenen Lebens zu geben versteht. Die südlichen Niederlande 
besitzen ein weit stärkeres, farbenreicheres öffentliches Volksleben als die 
nördlichen, deren Sittenbild demgemäss, gleichviel ob es die höheren oder 
niederen Gesellschaftsclassen behandelt, ein mehr intimer Reiz eignet. Die 
Composition, die bei vielen Bildern von Teniers einer ihrer bedeutendsten 
Vorzüge ist, bildet gewiss nicht die starke Seite des holländischen Sitten- 
bildes; sie verlor hier schon in Folge der wenigen Figuren, mit denen 
sich das holländische Sittenbild in der Regel beschäftigt, wesentlich an 
Bedeutung. Das holländische Sittenbild hält sich mehr an den Einzelnen, 
das vlämische dagegen erfasst das Ganze des Volkes. Das holländische 
Sittenbild zieht sich gemäss dem holländischen Leben und der dadurch 
begründeten Eigenart holländischer Kunst gern zurück in das gemüthliche 
Stübchen oder in die dunst- und raucherfüllte Kneipe; das vlämische gibt
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.