Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423712
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Michelangelo Buonarroti. 
nur dieser, der auch das Aeussere der Kuppel von St. Peter mit reicher 
Plastik umgeben und nach Vasari, namentlich auch das Kapitol mit einer 
Fülle von Statuen decoriren wollte, diesen Gedanken durchzuführen im 
Stande war, davon zeugt die Grabkapelle der Medici und seine Entwürfe 
für die Fagade von S. Lorenzo und auch für das Denkmal Julius II., 
andererseits aber zeigt doch auch gerade die Geschichte dieser Denkmale, 
wie selbst er die Verwirklichung dieses Gedankens nie ganz erreichen sollte, 
wie er zu jenen Idealen Michelangelds gehört, deren blosses Denken 
gerade mit durch ihre Unausführbarkeit so dämonisch fesselt, die aber 
gewiss nicht geeignet sein konnten, den Ausgangspunkt für eine grosse 
Schule zu bieten. 
In der Architektur ist Michelangelo nicht minder gross und gewaltig 
als in, den beiden Schwesterkünsten; hier wie ja auch dort erscheint sein 
Kommen vorbereitet; auch er steht im Banne der Entwicklung, die nach 
dieser Seite hindrängen musste, dadurch gerade war seine Thätigkeit von 
so hinreissender Wirkung, dass er das Wollen seiner Zeit am grössten 
aufgriff; gerade dadurch prägte er ihr den Stempel seines Geistes auf, 
und zwar um so schärfer, als sein Schaffen einen so durchweg individuellen 
Charakter trägt. Dass die Nachfolger Michelangelds viel Tüchtiges 
leisteten, erkennt man heute, wo man jene Zeit ruhiger und gerechter 
beurtheilt, gewiss gerne an, dass aber gerade das Streben, Michelangelo 
in seinen eigensten Ideen, die in seinen späten YVerken am schärfsten 
und gewaltigsten ausgesprochen, nachzuahmen, die gefährlichsten Folgen 
haben, auf die schlimmsten Bahnen fuhren musste, ist natürlich. Es liegt 
im Wesen dieses Gewaltigen, dass er unnachahmlich, und die Nachfolger 
Michelangelds, die ihn erreichen oder gar überbieten wollten, mussten 
zu Grunde gehen, weil sie die Grösse seines Geistes, die Gewalt. seiner 
Leidenschaft nicht besassen; für ihre Fehler darf man nicht, wie dies 
noch so oft geschieht, Michelangelo verantwortlich machen, seine Kunst 
riss sie mit sich fort, Keiner konnte sich ihrer mächtigen Wirkung ent- 
ziehen; sie strebten ihn zu erreichen, aber zeigten dadurch nur seine 
unerreichbare Grösse. Die Höhe der Kunst Michelangelds erscheint wie 
ein gewaltiger Felsen, zu dem rückwärts zuerst ein breiterer NVeg führt, 
die Strasse seiner Vorgänger, dann der gefährliche, steile Pfad, den nur 
er erklimmen konnte, nach vorne aber, wo er seine charakteristischsten 
und mächtigsten Formen zeigt, fällt der Fels jäh ab, und die ihn hier 
erklettern wollen, stürzten in die Tiefe, um durch ihren Untergang zu 
zeugen von seiner Grösse und Unerreichbarkeit.
        

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