Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423666
Michelangelo 
Buonarroti. 
19x 
erreicht, dass uns die Gequälten aus Charon's Nachen gerade entgegen- 
springen. Aber diese Effekte haben durch den traurigen Zustand des 
Bildes viel an Wirkung eingebüsst; die ganze Gruppe erscheint in der 
richtigen Entfernung gesehen, als ein schwarzer Klumpen, und nur mehr 
beim Detailstudium vermag man noch die diabolische Lust der Teufel 
zu erkennen, die angstgequälten Gesichter der Verdammten, deren Augen 
herausquellen, deren Mund sich zum gellenden Schrei öffnet. 
Das jüngste Gericht ist das letzte Werk, in dem Michelangelo seinen 
Charakter voll und ganz ausgesprochen; es ist nicht das seiner Werke, 
das uns künstlerisch am meisten befriedigt, aber die Leidenschaft Michel- 
angel0's, sein gewaltiger Schmerz, sein gigantisches YVesen gewinnen 
hier den mächtigsten Ausdruck  es ist sein gewaltigstes Werk. Das 
Schöne, das Versöhnende scheint ausgeschlossen, aber gewiss hat auch 
diese grosse Aussprache unserer mächtigsten Leidenschaften nicht minder 
ein Recht der Existenz in der Kunst wie die Schönheit. Dass sich 
Michelangelds Charakter einseitig und schroff in seinem Alter entwickelte, 
ist natürlich; einsam arbeitete er in seinem Grame weiter; auch der ein- 
zige, glückliche Stern, der ihm geleuchtet, Vittoria Colonna, mit der er 
gerade, als er am jüngsten Gericht malte, so rege verkehrte, verliess ihn 
jetzt. Es scheint der Tragödie, als die uns Michelangelds Leben in seiner 
Kunst erscheint, der versöhnende Schluss zu fehlen; er hat in der That 
wohl bis zum Ende seines Lebens Ruhe und Friede nicht in sich gefunden, 
und doch liegt etwas Versöhnendes in Michelangelds Kunst, ein grosses, 
ethisches Moment, das gerade in den schmerzvollen Stunden des 
Lebens, die uns am meisten zu seiner Kunst führen, mächtig erheben 
kann; die ganze Auffassung, besonders auch die Seligen des jüngsten Ge- 
richtes weisen darauf hin, es ist die absolute Grösse seiner Leidenschaft 
und seines Kampfes, das Hohe und Gewaltige, frei von allem Kleinlichen 
und Niedrigen, das Edle seines Charakters. 
Das absolut Grosse und Mächtige ist es denn auch, was Michelangelds 
Architektur charakterisirt, der er am Schlusse seines Lebens seine Haupt- 
thätigkeit zuwendete; darin, wie er sich diesem Gebiet, nachdem er bereits 
die Siebzig überschritten, mit ganzer Kraft zuwendet und nun auch hier 
der weiteren Entwicklung die Wege zeigt, liegt wieder etwas völlig Un- 
vergleichliches. Michelangelo war allerdings schon früher bedeutsam als 
Architekt thatig, vor Allem durch den Entwurf der Fagade von S. Lorenzo, 
durch die Bauten an der Bibliothek und der Grabkapelle der Medici, und 
schon diese Bauten sind in hohem Grade charakteristisch für die Ziele, 
die er verfolgte, zumal für sein Streben, die Skulptur mit der Architektur 
zu verknüpfen, wie er ja bei der F agade von S. Lorenzo die Verbindung 
der beiden Stockwerke durch Statuen herstellen und sie ausserdem noch 
reich mit Reliefs decoriren wollte, so dass das Ganze bei der Wirkungs-
        

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