Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423652
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Michelangelo Buonarroti. 
das der älteren Künstler, von denen nur Signorelli besonders auch bei 
den Verdammten einzelne congeniale Züge mit Michelangelo besitzt. 
Charakteristisch erscheint bei den Seligen und bestätigt die gleiche That- 
sache, die wir entgegengesetzt bei Fiesole fanden, dass hier die Bewegung, 
weil dem Empfinden des Meisters fern liegend, weit weniger gelungen, 
als die des Herabstürzens und Kämpfens bei den Verdammten, die 
ja von unvergleichlicher Freiheit; beim Aufsteigen der Seligen ist die 
Bewegung oft unwahr, und Michelangelo bedient sich z. B. darin, dass 
eine Gruppe an einem Rosenkranz in die Höhe gezogen wird, wenig an- 
sprechender, äusserlicher Mittel, um das Aufsteigen darzustellen, besonders 
bei dem Einzug der Seligen in den Himmel, wo sie von den über den 
Wolken befindlichen ergriffen, mit Anstrengung hinaufgezogen und gehoben 
werden; das leichte, anmuthige Schweben lag jetzt Michelangelo eben 
gerade so fern, wie der Liebreiz zarter Frauen oder kindlicher Engel. 
Schon auf die Seite der Seligen haben sich einzelne Motive verirrt, 
die von Michelangelds ungeheurer Macht in dem Sturze der Verdammten 
zeugen, da wird ein Knabe von einem Genius zum Himmel getragen, 
ein Verdammter hat sich an ihn gehängt, wird aber von einem 
Teufel kopfüber herabgerissen. Die ganze Gewalt Michelangel0's aber 
offenbart die Seite zur Linken Christi mit den Verdammten; nicht ver- 
zweifelnd und jammernd unterwerfen sich diese dem göttlichen Macht- 
spruch, sondern mit Gewalt müssen sie herabgeschleudert werden; in 
einer Gruppe kommt es sogar zum wirklichen Kampf gegen die Voll- 
strecker des göttlichen Urtheils; einzelne mächtige Gestalten wollen wie 
die Titanen den Himmel stürmen. Bei den Teufeln, wie in den grinsenden 
Schädeln und den Skeletten, die eben der Erde entsteigen, Weicht Michel- 
angelo selbst vor dem Grässlichen nicht zurück; wir sollen zittern und 
schaudern; den Schrecken des jüngsten Gerichtes malt Michelangelo, wie 
ihn die Verse des alten Kirchenliedes schildern: 
Quantus tremor est futurus, 
Quando iudex est venturus, 
Cuncta striCte discessurus. 
Tuba mirum spargens sonum 
Per sepulchra regionum 
Coget omnes ante thronum. 
Den erschütterndsten, ja den entsetzlichsten Gedanken, den die mensch- 
liche Phantasie geboren, will Michelangelo hier gestalten; die grinsenden 
Teufel, so besonders der mächtige Dämon mit seinen gewaltigen Schwingen, 
der den Menschen, den er auf dem Rücken trägt, mit wahrhaft satanischer 
Gier in das Bein beisst, gehören zu dem Schrecklichsten, was je ein 
Mensch erdacht; einzig ist dabei die Wirkung, die Michelangelo dadurch
        

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