Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423640
Buonarroti. 
Michelangelo 
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bedeutende Ansätze, aber eine völlige Einheit war bei seinem grossartigen 
Werke, das Michelangelo höchst wahrscheinlich kannte, schon dadurch 
ausgeschlossen, dass er seine Darstellung in eine Reihe von Bildern zer- 
legen musste, während Michelangelo die riesige Wandfläche hatte, auf 
der er das Ganze zusammenfassen konnte, und es gelang ihm, diese Fläche 
zu beherrschen und eine einheitliche, klare und, soweit dies bei dieser 
Ausdehnung möglich, auch eine übersichtliche Composition zu erreichen. 
Der Moment, den Michelangelo wählt und der das Ganze beherrscht, 
ist klar: Christus fährt eben auf, um die Verdammten niederzuschmettern. 
Engel schleppen die Marterwerkzeuge als die Zeugnisse seines Leidens 
herbei; ängstlich schmiegt sich Maria an ihn; erschreckt fahren die 
Heiligen zusammen, oder Rache fordernd zeigen sie die Instrumente, mit 
denen sie gemartert wurden; der Schrei, den sie bei ihrem Leiden um 
Christi willen ausgestossen, er gellt hier wieder und fordert grässliche 
Sühne; sieben gewaltige Engel stossen in die Posaunen, um den jüngsten 
Tag zu verkünden. Zur Rechten Christi steigen die Seligen empor, zur 
Linken werden die Verdammten herabgestürzt. Unten erstehen aus den 
Gräbern die Todten, und jagt Charon die Verdammten aus seinem Nachen, 
und schleppen sie die Teufel zur Hölle. 
Der Grundgedanke der Composition war bei Michelangelo der gleiche, 
wie bei seinen Vorgängern bis zu dem Fresko im Campo santo in Pisa, ja 
bis zu den ältesten Darstellungen des jüngsten Gerichtes. Christus be- 
zeichnet die Mittellinie; der Raum, den die Seligen und die Verdammten 
erhalten, erscheint fast gleichwerthig  und doch ist es so ausschliess- 
lich der Tag der Rache, den Michelangelo darstellt. Es bedingt dies 
theils der oben bezeichnete Moment in der Auffassung Christi, dann die 
entschieden grössere, künstlerische Bedeutung der Verdammten, vor Allem 
aber auch das eigenartige, für Michelangelo so charakteristische Wesen 
der Seligen. Schönheit und Anmuth oder gar seelenvoller Friede, die 
zur Rechten Christi das Versöhnende zeigen, uns im jüngsten Gerichte 
nicht nur den Tag der Rache, sondern auch den des Lohnes erkennen 
lassen sollen, sind hier nicht zu finden; die Seligen Michelangelds sind 
ein mächtiges Geschlecht, das zum Himmel mehr emporstürmt als 
schwebt, dessen Glück nicht in einem friedlich heiteren Dasein, sondern, 
wie auch die Gestalten des Himmels zeigen, in einem grösseren, mäch- 
tigeren Leben besteht. Den Sinn für das Kindliche, für das heitere und 
friedliche Glück hatte Michelangelo verloren; er lag ihm so fern, dass er 
selbst seinem Himmel keinen Zug davon mehr einhauchen konnte; er 
kennt keine Engel mehr, die selige Kinder, und so muss er hier Alles 
abstreifen, was an die ältere Kunst gemahnt, ebenso wie auch sein 
Christus ein anderer als der seiner Vorgänger, nicht aus Sucht nach 
Originalität, sondern weil sein Wesen und Wollen ein völlig anderes als
        

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