Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423625
Michelangelo Buonarroti. 
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aber beim künstlerischen Schaffen, das vom Herzen kommt, sich aus- 
sprechen muss. Durch Urkunden lassen sich solche Dinge nicht belegen, 
da es einem grossen Manne ja doch noch gestattet ist, sein Leid in sich 
zu verschliessen, seinen Kummer als sein ungeschmälertes Eigenthum zu 
bewahren; aber fühlen wird es Jeder, der Michelangelds Kunst mit dem 
Herzen erfasst, wie sie es fordert. Warum Michelangelo das Versöhnende 
im Leben nicht finden konnte, wir wissen es nicht; die Mitwelt erschien 
ihm leer, er zog sich vor ihr zurück, er fühlte sich trotz aller Bewunde- 
rung der Zeitgenossen im Tiefsten doch nicht verstanden; die Einsamkeit 
musste natürlich das Schroffe seines Charakters noch steigern; als einzige 
Aussprache seiner Gedanken und Empfindungen blieb ihm seine Kunst, 
die schon dadurch einen so subjectiven Charakter, wie nicht leicht bei 
einem anderen Künstler, gewinnen musste. 
Derselbe Charakter, wie aus den Gestalten der Tageszeiten, spricht 
denn auch aus der Hauptfigur des Grabmals julius II., das Michelangelo 
schon 1505 begonnen, das er jetzt, nachdem der Plan des Ganzen in- 
zwischen mannigfache Veränderung erfahren, wieder aufgriff; erst I 545 
jedoch wurde das Werk als die letzte grosse plastische Arbeit vollendet 
und in S. Pietro in vincoli aufgestellt; an diesem Denkmale ist von 
Michelangelo selbst nur der Moses. Michelangelo stellt Moses in dem 
Augenblicke dar, wie er von Zorn und Schmerz über die Verirrung 
seines Volkes auffährt, um den Frevel zu rächen. Hermann Grimml) 
bemerkt sehr fein, dass die mächtige Natur Julius II. und Michelangelds 
es seien, die aus dem Moses sprechen; vor Allem aber ist es doch 
Michelangelo, an den wir hier denken, dessen grosse, gewaltige Leiden- 
schaft die ganze Gestalt durchbebt, von dessen heftig auffahrendem 
lrVesen, dessen jähzorn und Trotz der zwingende Blick, der für Michel- 
angelo so charakteristische Mund mit den aufgeworfenen Lippen zeugen, 
dessen Bitterkeit und tiefer Schmerz aus der Statue sprechen; vielleicht 
bei den Werken keines zweiten Künstlers werden wir stets so unmittelbar 
an seine Person, an seinen Charakter erinnert wie bei Michelangelo, was 
eben auf das Innigste mit seiner subjektiven Art zu schaffen, mit seinem 
Arbeiten aus der Stimmung zusammenhängt; mehr als der Zorn des 
Moses ergreift auch hier die Leidenschaft des Michelangelo; wir fühlen, 
in welch ungestümem Ringen er hier gearbeitet, wie er den eigenen 
Schmerz klagt, aber klagt, wie eben nur Michelangelo klagen konnte. 
Aus jedem einzelnen Gliede, ja aus jeder Falte kann man sagen, spricht 
die gährende Leidenschaft Michelangelds; man hat darauf hingewiesen, 
dass es unwahr, dass der Arm, der eigentlich doch ruhig im Schosse 
liegt, ein Schwellen der Muskeln und Adern, eine Spannung der Sehnen 
Hermann 
Grimm 
des Michelangelo. 
Leben 
Auflage 
359-
        

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