Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423608
Buonarroti. 
Michelangelo 
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endete Kopf, die gigantische Gestalt, vor Allem auch die Gewalt der 
Bewegung sagen, wie auch das düstere Sinnen den thatkräftigen Mann 
zur Arbeit führt; das Gewaltige in Michelangelds Natur spricht aus dieser 
Statue, die Stimmung, in der er diese Grabmäler, in der er das jüngste 
Gericht geschaffen. Auf das schwere Ringen des Tages folgt der Abend, 
ein düsterer Träumer über das Vergängliche und Nichtige des Daseins. 
Die Nacht ist nicht das Sinnbild des milden, süssen Schlafes, der 
erquickenden Ruhe, sondern eine ernste Frau, eine der vollendetsten 
Gestaltungen des hehren, weiblichen Ideals Michelangelds von ungeheuer 
tiefer, poetischer Empündung. Nur zu kurzem Schlummer ist sie ein- 
genickt, ein durch die schmerzliche Sehnsucht, die sie erfüllt, hervor- 
gerufener Traum beglückt sie  aber nur kurze Zeit, dann wird sie er- 
wachen zu neuem Leid und neuen Schmerzen, wie wir das in der 
Aurora sahen. 
In den grossen Gestalten der sixtinischen Decke hatte Michelangelo 
die Natur mächtig gesteigert, in den Tageszeiten der Gräber der Medici 
schafft er andere, mächtigere Menschen, denen höhere Kräfte innewohnen, 
als den gewöhnlichen Erdenbürgern, die ihm zu klein und schwächlich 
waren, seine gewaltigen Gefühle auszusprechen. Michelangelo giebt den 
Figuren des Tages und der Nacht Stellungen, welche in der Natur nicht 
 vorkommen; nur mit Gewalt kann man auf einen Moment einen Menschen 
annähernd in die Lage des Tages bringen; die Stellung der Nacht ist 
uns unmöglich, und doch erscheinen uns vor dem Werke diese Stellungen 
natürlich, und wenn wir an die Unmöglichkeit, sie nachzumachen, denken, 
so sagen wir uns sofort, gäbe es solche Menschen, so könnten sie sich 
auch so bewegen. Michelangelo ist hier gelungen, was kein anderer 
Künstler vermochte, die Welt seiner Ideale, die grösser und gewaltiger 
als die unsrige ist, so darzustellen, dass sie wahr erscheint, dass wir an 
sie glauben. Nicht um des Motives willen hat, wie man glaubte, der 
Künstler diese gewaltsam bewegten Figuren geschaffen, sondern diese 
Motive sind bedingt durch das mächtige Wesen der Gestalten, das 
Gigantische des Tages gelangt durch diese Bewegung zum Ausdruck; 
sie sind bedingt durch die Stimmung, die sie beherrscht; hätte er der 
Nacht die ruhig rliessende Haltung der Schlafenden gegeben, es wäre nicht 
die Nacht des Michelangelo, in der nur kurzer Schlummer das qualvolle 
Dasein unterbricht, glücklich nur durch die Vorspiegelung eines Traumes, 
den schmerzliche Sehnsucht erzeugt. 
Dass Michelangelo in der Nacht wirklich diese Empfindungen aus- 
sprechen wollte, geht unzweifelhaft aus einem Sonett hervor, in dem er 
sie sagen lässt: „Nichts sehen, nichts hören ist mein ganzes Glück; drum 
wecke mich nicht, sprich leise." Das Sonett nimmt Bezug auf den 
Untergang der Freiheit von Florenz; die Verse sind erst etwa ein Jahr-
        

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