Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423570
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Michelangelo Buonarroti. 
Schöpfung von Adam und Eva von Jacopo della Quercia neben dem Portal 
von S. Petronio in Bologna. Dass Michelangelo Jacopds Werke bereits 
bei seinem ersten Aufenthalte in Bologna studirte und sich deren Einfluss 
zugleich aber auch seine volle Selbständigkeit bei dem Engel mit dem 
Leuchter und bei dem hl. Petronius zeigt, die er damals für die Arca des 
hl. Dominicus schuf, ist bekannt 1); gerade in die Zeit vor den Gemälden 
der Decke der sixtinischen Kapelle fällt aber der längere Aufenthalt 
Michelangelols in Bologna, wo er die grosse Statue julius II. schuf; er 
hatte also die Werke Quercia's erst vor Kurzem oft gesehen und noch 
frisch im Gedächtniss. Quercia stand auf einer ganz anderen Entwicklungs- 
stufe der Kunst, und Niemand wird denken, Michelangelo habe sich irgend- 
wie enger an seine Reliefs angeschlossen; aber die Erinnerung an sie 
mag bewusst oder unbewusst bei ihm nachgeklungen haben, als er die 
Scenen an der Decke entwarf; Jeder wird bei einem Vergleich sofort die 
gewaltige Steigerung Michelangelds, seine völlig selbständige Durchführung 
der Gedanken erkennen, aber man wird auch nicht übersehen können, 
welch bedeutsames Vorbild Quercia's Gott Vater bot, welch mächtige 
Anregung sein Gedanke barg, Adam darzustellen, wie er eben auf Befehl 
Gott Vaters erwacht; Eva, wie sie aus der Seite des schlafenden Adam 
vor den Schöpfer tritt, der in väterlichem Ernste zu ihr spricht. Wie 
unvergleichlich poetisch aber erscheint gerade bei der Erschaffung der Eva 
wieder Michelangelo; Adam schläft, aber ein Traum scheint diesen 
Schlummer zu beleben; es ist etwas Schmerzliches in seinen Zügen und 
seiner Haltung, als ob er ahne, dass die Gabe, die er erhält, sein höchstes 
Glück bedingen, ihm aber auch die schwersten Leiden bringen soll. Eva, 
ein Weib von mächtiger Schönheit, ist herrlich bewegt, wie sie dankerfüllt 
ihre Hände zu Gott erhebt, der trotz aller Grossartigkeit und dem tiefen 
Ernste, der ihm eigen, doch auch mit der milden Fürsorge des Vaters 
sich ihr zuwendet. Nicht minder schön ist die Bewegung der Eva, einer 
der vollendetsten und charakteristischsten weiblichen Gestalten Michel- 
angelo's bei der Versuchung; sie ist ein schönes üppiges Weib, strotzend 
voll Kraft, mit einem trotzigen Zug um den Mund, als wollte sie fragen, 
warum soll ich nicht von diesem Baume essen; bei der Vertreibung aus 
dem Paradiese aber löst sich ihr Schmerz nicht wie auf anderen Bildern 
in weiche Thränen, sondern Furcht und Verzweiflung sind es, womit sie 
das schreckliche Ereigniss erfüllt. 
In der Sintfluth fesseln die schönen Bewegungsmotive, wie in den 
beiden nackten Gestalten am Fuss des Baumes, die wir von rückwärts 
sehen, vor Allem aber die gewaltige dramatische Charakteristik, die so 
ergreifend in der Schaar, die mit dem Wenigen, was sie gerettet, den 
1) Neuerdings eingehend erörtert von H, Wölfflin: 
München 1891. 
Die Jugendwerke des Michelangelo,
        

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